Walhalla so nah – und dem Tinnitus

Dieser Beitrag ist am 28.03.2007 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

Manowar lassen in der Westfalenhalle Dortmund kein Klischee aus

Die Ohrenstöpsel gab’s am Eingang zum Selbstkostenpreis. Es war einer der meistverkauften Artikel in der Westfalenhalle – denn ohne Gehörschutz käme auch niemand auf die Idee, sich neben einen startenden Jumbo-Jet zu stellen. Diese Lautstärke gehört bei einem „Manowar”-Konzert aber zum guten Ton. Die „lauteste Band der Welt” drehte wieder mächtig auf. Mehr als zwei Stunden lang.

Unter Journalisten gibt es Formulierungen, deren Verwendung mit der Fütterung des Phrasenschweins bestraft werden. „Die Halle bebte” gehört dazu. In diesem Fall soll eine Ausnahme gemacht werden: Sie bebte wirklich. Immer wieder mussten die Verkäuferinnen Prospekte aufsammeln, die von den Druckwellen aus den Regalen geschleudert wurden. Ja, es war mächtig laut in der Nacht zum 28. März 2007. Umso erstaunlicher ist es, wie glasklar und präzise der brachiale Sound der vier Metal-Helden aus den Boxentürmen dröhnte. Selbst nach 27 Jahren sind Manowar kein Stückchen leiser geworden, hauen wie eh und je mächtig auf die Kacke und lassen kein Klischee aus.

Sie haben den „true Metal” erfunden (die wirklich wahrste wahre Schwermusik überhaupt), besingen nordischen Mythen, Walhalla, Heldentum und Ehre. Ihre Lederklamotten ziehen sie nicht mal zum Schlafen aus, holen zeigefreudige (natürlich nur weibliche) Fans auf die Bühne und berichten dabei allzu gerne über Praktiken der menschlichen Fortpflanzung.

Hört sich peinlich an? Wäre es tatsächlich, wenn es eine andere Band als Manowar machen würde. Von den selbsternannten Metal-Königen wird genau das erwartet, und genau das haben die rund 7000 Besucher in Dortmund bekommen. Dabei ist es manchmal gar nicht so einfach herauszufinden, was die Jungs denn nun ernst meinen oder nicht. Die „Metal Kings“ bewegen sich stets auf dem schmalen Grad zwischen Selbstironie und grandioser Selbstüberschätzung. Das gilt im übrigen auch für die Fans: Nehmen sie das nun ernst, was Manowar von sich geben, oder ist es für sie eine große, laute Comedy-Show? Unstrittig ist nur, dass Manowar-Konzerte einen sehr hohen Unterhaltungsfaktor haben.

Als Zugabe zum üblichen True-Metal-Gedöns gab’s in Dortmund eine angedeutete Heirat auf der Bühne; ein Besucher durfte sogar hoch zu den Helden und bei einer Jam-Session mitmachen. Er hatte wohl den Tag seines Lebens – und es diese Nähe zu den Fans, die Manowar ausmacht.

Dabei schien es zunächst, dass die vier Amerikaner, die ihr Alter so geheim wie die US-Regierung die Area 51 halten, ein wenig müde geworden sind. Die ersten Songs kamen recht kraftlos, fast schon langsam. Zum Schluss des mehr als zweistündigen Konzertes versagte sogar zeitweise die Stimme von Sänger Eric Adams. Außerdem verzichtete die Gruppe dieses Mal, mit ihren Harleys auf die Bühne zu brettern – fast schon ein Traditionsbruch.

Vielleicht sprang deshalb der Funke nicht sofort über – dann aber mit Manowar-typischer Gewalt. Die Könige hatten sich warmgespielt, kramten in ihrer Schatzkiste und spielten die größten Hits. Nur vereinzelt waren Stücke aus dem neuen Album „Gods of war” dabei, das in Deutschland mittlerweile Gold-Status erreicht hat.

Diese neuen Songs sollten erst bei der Zugabe gepielt werden, die immerhin gut eine halbe Stunde dauerte. Es war gleichzeitig der Höhepunkt des Konzertes: Etliche Statisten stiegen auf ein überdimensionales Wikingerschiff im Hintergrund und kämpften sagenhaft-nordische Schlachten nach. Deftige Pyro-Effekte inklusive.

Klotzen, nicht kleckern. Für Manowar gilt das wie eh und je.

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