Sabbatjahr im VW-Bulli

So schlimm sieht der VW-Bulli zwar nicht aus, dürfte aber ähnlich alt sein.

So schlimm sieht der VW-Bulli zwar nicht aus, dürfte aber ähnlich alt sein. (c) Markusram

Sie hat schon immer das gemacht, was ihr in den Sinn kam. Ob nun vernünftig oder nicht, war und ist in den meisten Fällen egal. Ein Sturkopf, ja, bestimmt. Aber ein Sturkopf von der positiven, angenehmen, beeindruckenden Sorte – und seit früher Jugend ein wichtiger Mensch in meinem Leben. Zeitweise teilte ich mich sogar eine Wohnung mit ihr. Zwar in Form einer WG und nicht als Lebenspartner, doch waren unsere Lebenslinien dennoch für eine gewisse Phase verwoben. Das ist mittlerweile zwar nicht mehr der Fall, doch die Gründe dafür sind allein geographischer, beruflicher und privater Natur. Obwohl die Intensität der Freundschaft in den vergangenen Jahren abgenommen hat, gibt es dennoch Berührungspunkte und regelmäßig unregelmäßige Kontakte. Noch immer spreche im Vergleich zu anderen Freunden anders mit, gehe anders mit ihr um, streite anders mit ihr. Wichtige Lebensphasen hallen eben nach.

Ein Mensch also, den ich gut kenne, der mich nicht so einfach überraschen kann. Und doch hat sie es mal wieder geschafft: Sie will ein Sabbatjahr nehmen und in dieser Zeit Europa bereisen. Gut – das allein hat mich nicht besonders überrascht. Die Idee ist vielleicht extravagant, doch nicht allzu außergewöhnlich. Aber: Sie will es allein tun. In einem Auto. Genauer: In einem mehr als 20 Jahre alten VW Bulli mit mehr als 200.000 Kilometer auf dem Tacho, den sie nur für dieses Projekt für ein paar Euro gekauft hat.

Allein die Idee mit einem methusalem’schen Bulli ließe mich bei jedem anderen an den gesunden Menschenverstand zweifeln. Niemals, nicht einmal gegen Geld, käme ich auf die Idee, in so einem Vehikel, das seinen Zenit längst überschritten hat, eine lange (wirklich lange) Fahrt anzutreten.

Nun muss man dazusagen, dass sie gelernte Kfz-Mechanikerin ist. Und das ist einer der Eingangs erwähnten Sturkopf-Aspekte. Anfang der 90er machte sie eine Lehre bei einem Autohändler und störte sich überhaupt nicht daran, dass zu dieser Zeit kaum eine Frau in diesem Männer-Job Fuß zu fassen versuchte. Sie machte es einfach. Und sie war gut darin. Das erklärt die Entscheidung, mit dem 20 Jahre alten Bulli die Europa-Reise anzutreten – einen großen Teil der Reparaturen wird sie selbt erledigen können. Zurück zur Kfz-Lehre: Die Anfeindungen, die spöttischen Bemerkungen ihrer Kollegen, von denen es sicherlich jede Menge gegeben hat, ignorierte sie einfach. Sie zog ihr Ding durch, genauso wie sie es ein paar Jahre später mit der Hochschulreife tat: Sie baute ihr Abitur nachträglich in der Abendschule, nach Feierabend. Inklusive Hausaufgaben und Klausuren. Eine Leistung, vor der ich heute noch größten Respekt habe – und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht die Geduld und die Kraft hätte, Vergleichbares zu leisten. Das anschließende Studium zog sie in ähnlicher Weise durch, lernte nebenbei Spanisch und schloss mit mit einem Bestnoten-Diplom ab. Gar nicht mal so schlecht für eine Kfz-Mechanikerin, oder?

Seit einiger Zeit ist sie endlich da angekommen, wo sie immer sein wollte: In einem guten Beruf bzw. Job, mit einem tollen Ehemann an ihrer Seite. Sie könnte sich einfach zurücklehnen, die Früchte ihrer jahrelangen Arbeit genießen und es endlich ein weniger ruhiger angehen lassen.

Fast jeder andere würde es jedenfalls so tun. Zumindest ich. Offenbar fehlt mir diese Rastlosigkeit, dieser Drang, Neues zu erleben. Dafür ist all das bei ihr umso ausgeprägter. Nebenbei: Selbstredend war sie auch schon in einem Dunkelrestaurant. Keine zehn Pferde würden mich da reinbekommen.

Die Reise durch Europa hat sie seit Monaten minutiös geplant – Länder ausgesucht, die sie besuchen will, feste Routen und Strecken ausgewählt, unzählige Bücher über die Gegenden Europas gelesen. Lange zuvor hatte sie sich mit ihrem Arbeitgeber auf das Sabbatjahr geeinigt und seitdem jeden Cent für die Reise gespart. Ein halbes Jahr will sie unterwegs sein, über den Wesen in die Süden, zurück zum euopäischen Zentrum, wieder in den Süden und über Osten langsam zurück in den Norden. Bis sie schließlich, irgendwann im Oktober, über Dänemark wieder Deutschland erreicht. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wird sie dann mehr als 13.000 Kilometer zurückgelegt haben.

Eine ambitionierte, alles andere als ungefährliche Fahrt – nicht nur wegen des (vermutlich unzuverlässigen) Bullis, sondern vielmehr, weil sie alleine unterwegs sein wird. Ihr Mann kann keine Job-Pause machen, immerhin wird er sie ein paar Mal besuchen – wo auch immer sie sich zu diesem Zeitpunkt in Europa aufhält.

Viele Leute haben bereits versucht, ihr die Sabbat-Reise auszureden. Aus bereits genannten Gründen: Ein halbes Jahr unterwegs, fremde Menschen, fremde Kulturen, Gefahrenaspekte, Einsamkeit. Ich hatte es gar nicht erst versucht. Es lohnt nicht, sie würde letztlich ohnehin ihren Kopf durchsetzen.

Heute Abend feiert sie ihren Abschied, in ein paar Tagen geht’s los. Viele Freunde hat sie zur Party vor dem Kick Off eingeladen, mit der Bitte, auf Geschenke zu verzichten. Sie brauche nichts mehr, alles sei bestens vorbereitet.

Obwohl ich ihr glaube, ist da doch diese beklemmende Gefühl. Sie wird tausende Kilometer entfernt sein, auf sich allein gestellt in Ländern, deren Sprachen sie nicht spricht. Andererseits werden die meisten Menschen nie das erleben können, was in den kommenden Monaten auf sie zukommt – ein komprimiertes Europa in allen Formen, Farben und Facetten.

Mit einer Mischung aus Angst und Faszination mache ich mich gleich auf den Weg zur Abschiedsparty. Und ich werde ihr natürlich doch ein Geschenk mitbringen – ein altes Handy, inklusive Autoladekabel. Sie hat zwar eins, aber ein Ersatz kann nie schaden.

Falls du mal anrufen möchtest.

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