Golf II

Das Auto wurde mir aufgezwungen. Ich hatte keinen Grund, mich vom Peugeot zu trennen, doch mein Vater überzeugte mich. Indem er einen Großteil der Finanzierung für den gebrauchten, braunen Golf II übernahm. Mein altes Auto sollte fortan meine Schwester fahren.

Und so war er dann da, der Golf. 1997 für 5000 Mark gekauft. Um es vorweg zu nehmen: Es war das bisher schlechteste Auto, das ich fahren musste. Und es hat einen derartig langen Nachgeschmack hinterlassen, dass ich auch heute noch keinen Golf haben will. Aber der Reihe nach.

Einen sonderlich guten Start hatten wir beide nicht, der Golf und ich. Technisch war er zu dem Zeitpunkt in Ordnung, und das war ein Pluspunkt. Ich brauchte allein aus beruflichen Gründen ein zuverlässiges Auto. Doch der Pluspunkt wurde durch die Optik zunichte gemacht. Diese Farbe! Braun. Ursprünglich war es wohl mal etwas wie Bronze, doch der Farbeffekt ging über die Jahre verloren. Immerhin war er gepflegt. Ein älterer Herr hatte ihn gefahren, beziehungsweise seine Frau. Schön zum einkaufen und dann direkt wieder in die Garage. Er war nicht mal richtig eingefahren. Aber so kam er auch rüber: Altbacken. Verstärkt wurde der Eindruck durch die klobigen Formen und dem biederen Interieur. Dann wäre noch dieser Geruch. Nur ältere Golfs können diesen Geruch produzieren, eine Mischung aus Mief, Mottenkugeln, Kunststoff und Altöl. Es ist ein so penetranter Geruch, dass selbst dutzendfach aufgehängte Wunderbäume ihn kaum übertünchen können. Selbst ausgiebiger Nikotinkonsum bei geschlossenen Fenstern änderte nichts daran. Man setzt sich morgens in den Wagen und sofort steigt der Golf-Gestank in die Nase.

Aber gut, damit konnte ich leben. Was viel mehr störte, waren die quäkenden Geräusche aus den eingebauten Lautsprechern. Wenigstens die Musik muss in Ordnung sein, dachte ich mir. Ich kaufte mir vernünftige Boxen und ließ mir von einem Freund, einem Schreiner, eine passgenaue Heckablage aus mehrfach beschichtetem, Holz in Klavierlack-Optik bauen. Für den verbesserten Sound. Unter die Holzablage schraubte ich einen Verstärker von Alpine. Man gönnt sich ja sonst nichts.

In der Tat hatte ich mit in Sachen Golf wirklich nichts mehr gegönnt. Es blieb die einzige Sonderausgabe in Zusamenhang mit diesem Auto. Sie bereitete mir exakt ein halbes Jahr Freude. Dann schlugen irgendwelche Idioten eines Nachts die Heckscheibe ein und rissen die sonderangefertige Heckablage raus. Inklusive Boxen und Verstärker. Die Schwachköpfe trennten nicht mal die Kabel ab. Sie rissen einfach alles mit Gewalt raus. Die einst für eine Menge Geld gekauften Kabel waren nicht mehr zu gebrauchen.

Von der geringen Summe, die mir die Versicherung nach dem Diebstahl überwies, ließ ich die Heckscheibe erneuern, kaufte eine Standard-Heckablage und ein Paar neue Boxen. Auf eine Endstufe verzichtete ich – der Alpine-Verstärker blieb mein einziger Ausflug in den Auto-Hi-End-Bereich. Und, um ehrlich zu sein, notwendig ist sowas nicht, jedenfalls nicht für mich.

Ich hatte ohnehin nicht vor, den Golf lange zu behalten. Der Verbrauch war mit durchschnittlich 10 Litern Super (dieses Mal allerdings bleifrei, wir machen ja Fortschritte) angesichts meiner Fahrleistung deutlich zu hoch. Mittlerweile waren ja auch die Spritpreise kräftig angezogen. Sonderlich rund lief der Wagen auch nicht, von Bequemlichkeit konnte keine Rede sein. Der einzige Vorteil im Vergleich zum Peugeot war die Größe und die höhere Endgeschwindigkeit.

Aus dem Plan, den Wagen möglichst schnell gegen etwas Besseres zu tauschen, wurde natürlich nichts. Über Jahre sollte mich der Golf begleiten. Und ich ihn in die Werkstätten. Etwa zur Jahrtausendwende stand der VW öfter in Werkstätten als vor der Haustür. Irgendetwas hatte er immer. Ein Relais war defekt, die Lichtmaschine, der Kühler, ein Teil der Elektrik …

Den skurrilsten Schaden – insgesamt über alle bisherige Fahrzeuge gesehen – hatte ich mit einer kleinen Kraftstoffwanne unterhalb des Motors. Ich weiß nicht mehr, wie diese Wanne in Fachkreisen genannt wird und warum sie überhaupt an dieser Stelle war. Laienhaft formuliert sollte sie dafür sorgen, dass der Kraftstoff ungehindert zum Motor fließen kann. Als ich eines Tages unvorsichtig auf unebenem Boden einparkte, riss ein Stein die Wanne auf. Ich merkte es erst, als ich in eine Kurve fahren wollte: Benzin tropfte aus der Wanne, ich fuhr mit den Hinterrädern über die Tropfen – und der Wagen machte eine 180-Grad-Wende, statt um die Kurve zu fahren. Nun ist das zwar eine interessante Fahr-Herausforderung, auf die Dauer jedoch nicht von Vorteil. Und die Behörden haben, glaube ich, auch etwas dagegen, wenn Kraftstoff auf die Straße fließt.

Die Reparatur erwies sich als schwierig. Selbst eine Fachwerkstatt hatte es nicht richtig hinbekommen. Die Wanne wurde zwar ausgetauscht, doch die Verbindungen zu den Schläuchen passten nicht. Warum? Keine Ahnung. Aber so kehrte das Problem mit schöner Regelmäßigkeit zurück. Da ich mittlerweile einen Job in einer ziemlich entfernten Stadt mitten im Nichts (tiefes Sauerland) angenommen hatte und täglich fast 200 Kilometer pendeln musste, war dieser Zustand unerträglich. Aber auch ein willkommener Grund, endlich den Golf loszuwerden.

Geld hatte ich zwar nicht, doch ich machte trotzdem den großen Sprung: die Anschaffung eines Neuwagens! Klein, unspektakulär, aber ein Neuwagen. Und zum ersten Mal ein Fahrzeugwechsel, an dem mein Vater nicht direkt beteiligt war.

Das alles heißt aber nicht, dass mein Vater sich nicht eingemischt hat. Den Golf abzugeben stieß bei ihm auf immenses Unverständnis. „Das ist ein Qualitätsauto! Das kannst du noch zehn Jahre fahren! Was willst du dir holen? Ein Neuwagen? Und dann noch nicht mal einen aus Deutschland? Du bist verrückt!“

Weil mein Vater den Golf zu einem beträchtlichen Teil bezahlt hatte, verzichtete ich darauf, ihn bei der Neuanschaffung in Zahlung zu geben. Statt dessen gab ich ihn meinem Vater zurück. Der lies ihn von allen Mechanikern, die er kannte, unter die Lupe nehmen. „Du wirst schon sehen, den werde ich für viel Geld verkaufen können“, sagte er. Doch bei den Inspektionen stellte sich heraus, dass neben der Spritwanne auch der Kühler erneuert werden musste. Vermutlich war es der Stolz, der meinen Vater darin hinderte, den Schrotthändler anzurufen. Statt dessen ließ er den Golf tatsächlich reparieren. Etwas mehr als 1000 Euro hat er dafür bezahlt.

Und den Golf schließlich für exakt 1000 Euro verkauft.

Ich hingegen stieg in ein fabrikneues Auto ein. Und zum ersten Mal in einen Wagen mit elektrischen Fensterhebern, Tür-Fernbedienung und Klimaanalge.

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Auto-Serie:

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