Fiat Punto (2002)

Es musste schnell gehen. Beim Golf stand eine Reparatur des Wasserkühlers an, die ich nicht mehr zu bezahlen gewillt war. Das braune Auto hatte schon zu viel Geld und zu viel Sprit gefressen. 10 Liter Super, das war selbst im Jahr 2002 viel zu viel. Hinzu kam, dass das Einkommen zu der Zeit nicht gerade üppig war. Das Gehalt eines Volontärs, obwohl damals deutlich höher als heute, ließ keine großen Sprünge zu.

Trotzdem sollte ein neues Auto her. Die Betonung liegt auf neu. Dafür gab es zwei Gründe:

  1. Ich kenne mich nicht Autos aus. Wenn ich mir einen Gebrauchten zulegte, müsste ich zunächst schauen, ob der Wagen auch etwas taugt. Ohne Kenntnisse beschränkte sich der Qualitätscheck rein auf die Optik. Außerdem musste ich mich auf das Auto verlassen können und wollte nicht jeden zweiten Tag mit einem Defekt rechnen. Die Erfahrungen mit dem Golf hatten gereicht. Die Gefahr eines schwerwiegenden Defektes ist bei einem Neuwagen zwar nicht gleich Null, aber doch deutlich geringer als bei einem Gebrauchten, der wasweißichschon was erlebt hat.
  2. Es war günstiger, auf die monatliche Belastung bezogen, einen Neuwagen zu kaufen. Ratenzahlungen machen’s möglich. Diese gibt es zwar auch für Gebrauchte, wenn sie bei einem Händler gekauft werden. Das lohnt sich allerdings nicht, da die Zinshöhe weitaus höher liegt als bei einem Neuwagen-Kauf.  Nicht zuletzt gibt es das Risiko, dass das Auto den Geist aufgibt, während es noch nicht vollständig abbezahlt ist. Die komplette Summe auf einmal zu zahlen war schlicht nicht möglich. Siehe Gehalt.

Letztlich, als dritter und entscheidender Grund, hatte ich die Nase voll von alten Autos. Nach zehn Jahren der Automobilität wollte ich endlich einen zeitgemäßen Wagen fahren. Einen, der nicht allzu viel verbraucht. Einen, der mit so modischen Schnickschnacks wie elektrische Fensterheber daherkommt. Oder mit Tür-Fernbedienung. Servo-Lenkung wäre auch etwas Feines.

Fiat Punto, 2003 in GriechenlandBei der Entscheidung spielten weder Qualität noch Leistung des Wagens eine Rolle. Es war, ich gebe es zu, die Werbung. Fiat spielte zu der Zeit auf allen Kanälen die Spots für den neuen Punto, inklusive der attraktiven Finanzierungskonditionen. Der Gesamtpreis war ebenfalls attraktiv. Etwa 12.000 Euro. Mehr hätte ich mir ohnehin nicht leisten können.

Ein Kollege gab mir die Adresse eines guten  Fiat-Händlers, ich fuhr hin und kaufte einen. Beziehungsweise finanzierte ihn. Die einzigen Bedingungen: Es musste ein Diesel sein – und schnell zur Verfügung stehen. Für lange Lieferzeiten hatte ich keine Zeit. Es musste ja schnell gehen, ich brauchte ein Auto für die Arbeit. Der Händler nickte. Ein Fiat Punto JTD. 1,9 Liter Hubraum, 85 PS. Dreitürer. Elektrische Fensterheber waren drin. Auch eine Servo-Lenkung. Und eine Tür-Fernbedienung. Es wurde noch ein bisschen der Preis verhandelt, die monatlichen Raten wurden festgelegt, dann war der Kaufvertrag unterschriftsreif.

Eine Woche später holte ich den bereits zugelassenen Wagen ab. Weil der Händer nicht nur Fiat, sondern auch luxuriösere Modelle der Marke Alpha vertrieb, wurde aus der Übergabe ein Spektakel gemacht. Autos werden bei diesem Händler nicht einfach auf den Hof gestellt und abgegeben. Nein. Ich wurde in eine Halle geführt, in der Henry Maskes Einmarschsong „Conquest of paradise“ lief. Der Wagen war vollständig mit einem weißen Tuch bedeckt. Ob ich noch einen Kaffee trinken wollte, fragte der Händler. „Nein, ich will das Auto.“

Der Händler wartete noch einen Augenblick, bis der pompöse Teil des Songs ansetzte, und drückte einen Knopf. Das Tuch, in der Mitte an einer Schnur befestigt, wurde nach ruckartig nach oben gezogen, während ein Dutzend Lichtspots das Auto anstrahlten.

Das alles für einen simplen, kleinen Punto. Wahnsinn.

Zugegeben, ich war imponiert. Obwohl ich die ganze Zeit ein seltsames Bauchgefühl bei der Entscheidung hatte, einen Punto zu kaufen. Von Fiat hört man ja allerlei. Fehler in allen Teilen und so. Der Punto als Anführer der ADAC-Pannenstatistik. Das, allerdings, hätte sich mit der 2002er-Reihe erledigt, las ich in einem Test. Dort schnitt der Punto ziemlich gut ab.

Im Artikel wurde nicht übertrieben und mit meinem Bauchgefühl lag ich falsch. Der Fiat Punto, Baujahr 2002, der mit dem zeitlosen Design und den aggressiv anmutenden, schmalen Frontleuchten, sollte mein bislang bestes und zuverlässigstes Auto werden.

Fiat Punto JTD

Fiat Punto JTD

Nach knapp acht Jahren stehen rund 230.000 Kilometer auf dem Tacho, die Anzahl der Defekte in dieser Zeit kann ich an einer Hand abzählen. Streng genommen war es bis jetzt nur ein einziger schwerwiegender Defekt: Ende vergangenen Jahres ging Mitten auf der Autobahn plötzlich der Motor aus. Einfach so. Zuerst fing ein Warnlämpchen an zu leuchten (ich weiß nicht mehr welches, wahrscheinlich das für Öl), eine Sekunde später ein weiteres und noch eine weitere Sekunde später leuchtete alles, während der Motor ausging.

„Kapitaler Motorschaden“, spekulierte der ADAC-Abschleppmann, als er den kleinen Punto auf die Laderampe seines Lkw zog.

Es war kein Motorschaden, erst nicht kapital. Der Mechaniker brauchte eine ganze Weile, bis er den Grund herausgefunden hatte: Ein Sensor bzw. ein Rellais war durchgebrannt. Materialkosten: Ganze 25 Euro. Der Fehler tritt offenbar recht selten auf. So selten, dass das Ersatzteil hier nicht vorrätig war und aus Italien importiert werden musste. Nach ein paar Tagen war es angekommen, wurde eingebaut – und brannte sofort wieder durch. Der Mechaniker meines Vertrauens war ratlos und brauchte erneut einige Tage, bis er dem eigentlichen Grund des Defektes auf die Spur kam: Der Sensor war kaputtgegangen, weil die zwei Jahre zuvor ausgetauschte Batterie zu wenig Leistung brachte. Es hätte eine stärkere sein müssen, da der Wagen ein Diesel ist. Dass ich einen Diesel fahre, habe ich damals im Laden offenbar nicht erwähnt und der Verkäufer gab mir eine Standard-Batterie. Die hatte auch zwei Jahre durchgehalten, doch der letzte, ziemlich strenge Winter war wohl zu viel.

Die Batterie wurde gegen eine neue, leistungsstärkere ersetzt und der Sensor zum zweiten Mal ausgetauscht. Glücklicherweise hatte die Werkstatt gleich zwei Stück aus Italien schicken lassen. Gesamt-Materialkosten, also inklusive Batterie: rund 200 Euro. Das ist in Ordnung, zumal der Schaden vermutlich nicht passiert wäre, hätte ich nicht eine zu schwache Batterie gekauft.

Vermutlich ohne eigenes Zutun war vor einiger Zeit eine von vier Einspritzdüsen kaputt gegangen. „Sie pisst“, sagte der Mechaniker. Das ist offenbar die fachliche Beschreibung für eine Einspritzdüse, die den Diesel nicht in kleine Tropfen zerstreut, sondern einfach rausplätschern lässt. Die Folge: Der Motor springt nicht sofort an. Man muss den Zündschlüssel ein paar Sekunden länger als gewöhnlich auf der Start-Position halten. Wenn der Motor aber läuft, fährt das Auto ohne Probleme. Angeblich ist der Verbrauch etwas höher, wenn eine Düse nicht mehr richtig arbeitet. Das konnte ich allerdings nicht feststellen. Trotzdem ließ ich die Düse austauschen. Die Werkstatt meines Vertrauens hatte glücklicherweise ein gebrauchtes, aber noch voll funktionstüchtiges Teil finden können. Rund 300 Euro hat der Spaß gekostet.

Mit deutlich weniger schlug das gerissene Handbremsseil zu Buche. Das passierte ausgerechnet am letzten Urlaubstag. Ziemlich genau 28 Stunden, bevor ich zusammen mit meiner Freundin rund 500 Kilometer entfernt auf eine Fähre von Griechenland nach Italien fahren musste. Am nächsten Morgen war ich zu einer Werkstatt gefahren, die mir ein Bekannter empfohlen hatte. Dem Chef eklärte ihm die Situation – und er legte los. Er hatte sechs Stunden Zeit, dann müssten wir abfahren. Zur Not hätte das auch ohne Handbremse funktioniert, sicherlich. Aber ist schon ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass das Auto im Bauch der Fähre nicht unkontrolliert hin und her rollt. Das hätte zwar mit Bremsklötzen verhindert werden können – aber man kann sich nicht sicher sein, dass diese in der Fähre in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.

Man mag ja über die Arbeitseinstellung und die Mentalität der Südländer – hier der Griechen – spotten. Aber ich wage mal die Behauptung: Eine deutsche Werkstatt hätte das in dieser Geschwindigkeit nicht hinbekommen – erst recht nicht, wenn das Ersatzteil aus einer 200 Kilometer entfernten Großstadt per Linienbus (sic!) angeliefert werden muss – eine Express-Lieferung per Lieferwagen wäre deutlich teurer und hätte auch, kurioserweise, länger gedauert.

Der Chef der griechischen Werkstatt hatte dennoch alles hinbekommen. Die Werkstatt hat alles so perfekt getimed, dass das gerissene Teil ausgebaut war, ein Azubi das neue Handbremsseil an der Busstation entgegennahm, zurück zur Werkstatt raste, dem Chef das Teil in die Hand drückte und er es umgehend eingebaute. Ich war dabei. Ich stand daneben, als es passierte. Denn um Zeit zu sparten, packte ich die Koffer in den Wagen, während dieser auf der Hebebühne stand. Wir konnten rechtzeitig losfahren, waren pünktlich an der Fähre und kamen gut in Deutschland an. Ein Urlaubsabschluss mit Nervenkitzel. Noch einmal soll der Vergleich mit deutschen Werkstätten bemüht werden: Die punktgenaue Express-Reparatur des Handbremsseil hat insgesamt 150 Euro gekostet. Keine Ahnung, was angesichts der Umstände in Deutschland gekostet hätte. Aber ich vermute stark: mehr.

Eine weitere Episode, die in Erinnerung geblieben ist, spielte ebenfalls in Griechenland. Es war im Jahr 2005, wir waren auch da auf dem Weg zur Fähre. Sie legte morgens früh ab, weshalb wir Mitten in der Nacht losfahren mussten. Der Hafen liegt schließlich 500 Kilometer entfernt. Es war zwar kein Defekt, aber auch ein platter Reifen torpediert effektiv die Zeitplanung. Ein Uhr nachts, in der Nähe der Großstadt Thessaloniki, hauchte der Reifen seine Luft aus. Ein Reserverad hatte ich nicht, nur ein Notlaufrad. Diese kleinen Vollgummi-Dinger, mit denen maximal 80 km/h gefahren werden darf.  Theoretisch hätten wir es mit dem Notrad und einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h rechtzeitig bis nach Igoumenitsa, der Hafenstadt, geschafft. Aber eben nur theoretisch. Die Autobahn Egnatia war damals noch längst nicht fertig, ein beachtlicher Teil der Strecke bestand aus engen Serpentinen und schmalen Gebirgsstraßen. Der anspruchsvollste Abschnitt ist der Katara-Pass. Enge Straßen an steilen Hängen – und das über gefühlte 200 Kilometer. Eine Schnellsuche führte zu diesem Video, das die Situation (und vor allem die Belastung durch den Lkw-Verkehr) ziemlich gut zeigt:


Katarapass Griechenland Autofahrt – MyVideo

Aber zurück zum Notrad: Abgesehen von der schwierigen Fahrt ist es nicht für längere Distanzen gebaut. Auf die Erfahrung, in dunkelster Nacht auf einem einsamen Bergpass liegenzubleiben, kann ich getrost verzichten.

Wir versuchten also, in Thessaloniki Hilfe zu finden. Ein Anruf beim ADAC brachte keine Hilfe und so kurvten wir mit dem Notrad durch die im Schlaf liegende Stadt. Warum und mit welchem Ziel wir das taten, weiß ich nicht mehr. Auch wenn die Öffnungszeiten in Griechenland flexibler gehalten werden als in Deutschland, so war es doch ziemlich unwahrscheinlich, um (mittlerweile) 2 Uhr morgens eine geöffnete Werkstatt zu finden.

Wir fanden trotzdem eine. An einer Stelle waren wir von der Hauptstraße in ein Industriegebiet abgebogen, einfach so, ohne Grund. Wir fuhren die verlassene Straße entlang und sahen nach einer Weile ein hell erleuchtetes Gebäude, das wie ein Restaurant oder eine größere Kneipe aussah. Draußen saßen eine Menge Leute an Bänken, ein Holzkohlegrill brannte noch. Jemand brachte ein Tablett mit Getränken. Offensichtlich eine Feier. Eigentlich wollte ich weiterfahren, denn wir hatten schon eine Menge Leute nach Hilfe gefragt, ohne Erfolg. Doch die Schaufenster machten mich stutzig: Es lagen haufenweise Reifenfelgen darin. Vielleicht eine Kneipe mit Auto-Tuning-Motto? Ich hielt an und fragte: „Ist das hier eine Kneipe oder ein Autoladen?“ Eine Frau antwortete: „Weder noch. Wir sind eine Werkstatt. Wir machen gerade eine Betriebsfeier.“ – „Ach, tatsächlich? Ich hätte da ein Problem …“, sagte und deutete auf das Notrad.

Die Frau guckte einen Mann an, der wiederum guckte eine Jugendlichen an … und ohne jedes weitere Wort wurde mein Wagen hochgewuchtet, der kaputte Reifen in der Werkstatt weiter hinten von der Felge geholt, ein neuer aufgespannt und ans Auto geschraubt. Das ganze dauerte etwa 20 Minuten.

Ich war sprachlos. Dass die Griechen in vielerlei Dingen flexibel und spontan sind, wusste ich. Aber das hätte ich niemals erwartet. Wahnsinn.

Umsonst war die Aktion nicht. 150 Euro wollte der Werkstatt-Eigentümer für den neuen Reifen (es war ein ziemlich gutes Modell, von Bridgestone oder so)  haben. Ein günstigerer Reifen hätte es natürlich auch getan. Aber in so einer Situation fragt man nicht, man feilscht auch nicht. Man ist schlicht dankbar für die Hilfe um 2 Uhr nachts. Ich gab dem Mann die 150 Euro und 20 weitere Euro Trinkgeld. Auch in diesem Fall erreichten wir pünktlich die Fähre und kamen wohlbehalten in Deutschland an.

In Griechenland war der Punto bis jetzt übrigens drei Mal. Überhaupt hat das kleine Auto lange Reisen hinter sich, wodurch auch zum Teil die hohe Kilometerzahl erklärt wird. Vielleicht sind es gerade diese langen Autofahren am Stück, die zum guten Gesundheitszustand des Kleinwagens beigetragen haben. Jemand, der sich auskennt, erzählte mir mal, dass ein Auto schneller kaputt geht, wenn es nur für kurze Distanzen eingesetzt wird. (Dies mag vielleicht zum automobilen Basiswissen gehören, aber ich wiederhole mich gerne: Ich kenne mich mit Autos im Grunde nicht aus.)

Das war es. Über mehr Schäden kann ich nach acht Jahre und 230.000 gefahrenen Kilometern nicht berichten. Natürlich gab es die Inspektionen, die ich penibel eingehalten habe, nicht umsonst. Zwei Mal musste bis jetzt der Zahnriemen erneuert werden – nicht weil es gerissen war, sondern weil es nach einer gewissen Kilometer-Leistung empfohlen wird. Vergangenen Sommer habe ich eine neue Kupplung einbauen lassen. Die alte hätte es vermutlich noch ein paar Tausend Kilometer geschafft, doch ich wollte mit dem Punto nach Griechenland fahren und auf der sicheren Seite sein. Es wäre ziemlich blöd, während einer insgesamt 5000 Kilometer langen Reise auf dem Brenner-Pass mit einer kaputten Kupplung liegenzubleiben.

Die meisten Schäden und Defekte, die ich aufgelistet habe, sind innerhalb der vergangenen eineinhalb Jahre passiert. Langsam wird das Alter des Punto spürbar. Und deshalb kommt erneut ein neues Auto ins Haus.

Den Punto werde ich aber nicht abgeben. Vermutlich hätte ich ohnehin nur 1000 bis 2000 Euro dafür bekommen. Dafür, dass der Wagen noch ziemlich gut in Schuss ist, jede Menge Teile ausgetauscht (siehe Kupplung) wurden und er nur knapp fünf Liter Diesel auf 100 Kilometer schluckt, ist das zu wenig. Außerdem wäre da noch der ideele Wert. Der Punto und ich haben viel erlebt. Neben den langen und vielen Fahrten auch drei Umzüge. In den Punto passt mehr rein, als es den Anschein hat. Der Wert wird auch durch die chronische Krankheit des Fiat nicht gemindert: Die rechte Scheinwerfer-Glühlampe, die spätestens alle vier Wochen kaputt geht.

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Auto-Serie:

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