Digitale Promo-Platten

CD-RohlingEs gibt kaum noch eine Plattenfirma, die Besprechungsexemplare von Neuerscheinungen nur auf dem klassischen Postweg verschickt – als eine vornehmlich für Journalisten gepresste Promo-CD, nicht selten mit einer ebenfalls eigens angefertigten Papphülle inklusive Begleit- und Infoschreiben. Stattdessen gibt es einen Download-Link per E-Mail, mit dem die Songs als mp3-Dateien heruntergeladen werden können. Für die Labels und PR-Agenturen eine prima Spar-Möglichkeit. Die Kosten für das Pressen, für den Druck und für den postalischen Versand entfallen. Komplett. Dennoch bekommt der Journalist alle Informationen, die er für seine Arbeit benötigt.

Noch vor zwei, drei Jahren wurden auf PR-Ebene die mp3s verteufelt. Promo-Platten kamen entweder kopiergeschützt oder in 999 Tracks gesplittet daher, damit ja das böse CD-Rippen unterbunden wird. Zu groß war die Angst in der Musikbranche, die Promos könnten in illegalen Tauschbörsen landen, womöglich sogar noch vor dem Veröffentlichungstermin einer Platte. Der abstruseste Aspekt dieser Paranoia waren die „Voiced-Over-Promos“:  Alle paar Sekunden quatschte jemand in den Song rein und tat kund, dass gerade eine Promo-CD gehört wird. Furchtbar. Eine Sicherheitsmaßnahme, die das Hören und damit die Kritik der Platte unmöglich machte. Und das, obwohl Kritiken für die Labels immer noch, trotz der gravierenden Veränderungen in der Medien-Landschaft, von entscheidender Bedeutung sind. Die Folge: Viele Journalisten weigerten sich, solche Voiced-Over-CDs zu besprechen. Ich übrigens auch.

Man mochte nun darüber schimpfen und spotten, dass sich die Musikbosse wie Dinosaurier verhielten und nicht die Zeichen der Zeit erkannten. Doch, so ehrlich sollten wir sein, ihre Angst war in gewisser Weise berechtigt. Denn nicht selten passiert genau das, was mühsam verhindert werden sollte: Ein Leak, und die wertvollste Produktion  schwirrte frei verfügbar im Netz herum. Einer der bekanntesten Fälle der jüngsten Vergangenheit ist der US-Blogger, der ein paar Stücke vom damals noch unveröffentlichten Guns-n‘-Roses-Album Chinese Democracy online stellte.

Nun hat sich der Umgang der Musikbranche mit den digitalen Kanälen glücklicherweise verändert. Nahezu jedes Musikprodukt kann legal als Datei erworben und heruntergeladen werden. Die indiskutablen Einschränkungen wie das DRM, das das Kopieren verbot oder einen bestimmten Player voraussetzte, gehören ebenfalls weitestgehend der Vergangenheit an. Bei Amazon oder iTunes gibt’s mp3s oder ähnliche Formate – und gut ist. Das hat keineswegs zum Untergang einer ganzen Industrie geführt. Im Gegenteil, es kann damit sogar gutes Geld verdient werden, wie anhand der Absatzzahlen gelesen werden kann.

Die Änderung zur digitalen Promo-Belieferung ist nur ein Teil eines elementaren Umdenkens in der Musik-Industrie. Sie ist folgerichtig, logisch, und – was die Einsparungen angeht – nachvollziehbar.  Umso seltsamer mutet es an, dass gerade Musikjournalisten sich am lautesten gegen diese Änderung zu wehren versuchen.

  • „Ich muss etwas in der Hand halten können.“
  • „Das Gefühl für eine Platte geht verloren, wenn man die Musik auf nur ein paar Dateien reduziert.“
  • „Wie soll ich denn mp3s in meinen CD-Player legen können?“
  • „Ich kann das Cover gar nicht mehr sehen.“

Nun möchte ich diese Argumente nicht in Frage stellen. Es ist ja durchaus möglich, dass Menschen tatsächlich so empfinden und eine kleine silberne Scheibe in der Hand halten müssen, um ein neu erschienenes Album als solchen erfassen zu können.

Allerdings sehe ich persönlich in der digitalen Bemusterung diverse Vorteile.

  1. Zum einen habe ich bisher ohnehin jede Promo-CD, die auf physischem Wege zu mir kam, auf den mp3-Player gelegt. Die Fälle, in denen ich zu Hause eine CD in meinem CD-Player gelegt habe, können vernachlässigt werden. Vermutlich kann man sie an einer Hand abzählen. Die Promos höre ich schließlich in den seltensten Fällen zu Hause, sondern vornehmlich beim Sport, im Auto oder im Zug. Und das geht am bequemsten mit mp3-Dateien. Jetzt kommt die Musik schon als mp3 ins Haus und muss nicht erst umgewandelt werden. Wenn 10 CDs eingelesen werden müssen, kostet das Zeit, die nun gespart wird. Vor ein paar Tagen hatte mich ein Label-Mitarbeiter ganz vorsichtig gefragt, ob ich denn CDs zugeschickt bekommen wolle oder ob ich mich mit einem Download zufrieden gäbe. Ich nahm den Download. Denn neben der Bequemlichkeit und Schnelligkeit gibt es dafür auch noch einen weiteren Grund:
  2. Bei der digitalen Bemusterung haben die Labels und Agenturen ihre Hausaufgaben ordentlich gemacht. In den Promo-Paketen ist in den meisten Fällen das Cover als jpg-Datei dabei, Bandfotos können ebenfalls heruntergeladen werden und die CD-Info sowie die Band-Bio liegen als pdf vor. Wunderbar. Alles an allem Ort, Informationen müssen nicht mehr in irgendwelchen Zettelhaufen gesucht werden; die mitgelieferten Fotos erleichtern die Layoutarbeit, da nicht erst aufwändig nach einem Bild gesucht werden muss.
  3. Es ist gelegentlich ein wahrer Segen, eine Promo-Scheibe nicht als physische CD zu bekommen. Das betrifft vor allem die Veröffentlichungen, die schon nach einem kurzen Querhören zur Seite gelegt werden. Sprich: Die nicht rezensiert werden. Das kommt durchaus vor, wenn zum Beispiel die dargebotene Musik nicht mit den eigenen Vorlieben kompatibel ist. Oder wenn die Platte zwar die persönlichen Vorlieben ganz hervorragend bedient, allerdings überhaupt nicht mit der Zielgruppe (der Leserschaft) in Verbindung gebracht werden kann. Es gibt eine Menge Gründe, warum es eine Platte nicht zur Besprechung schafft. Ist sie aber als Promo-CD ins Haus gekommen, liegt sie herum und nimmt Platz weg. Wegwerfen darf man die Promos nicht, da sie Eigentum der Labels sind und zurückverlangt werden können.  Im Laufe der Zeit sammelt sich so eine Menge Material an, das in den Regalen liegt und Staub fängt.
  4. Die digitale Bemusterung hat bei mir persönlich zu deutlich differenzierteren und gezielteren Besprechungen geführt. Wurden früher die Platten in der Regel ungefragt zugeschickt (und  verschwanden später im Regal), müssen die Alben nun gezielt heruntergeladen werden. Das bedeutet für mich, dass ich schon im Vorfeld aussortieren kann. Wenn ich weiß, dass ich eine Platte – aus welchen Gründen auch immer – nicht besprechen werde, brauche ich sie gar nicht erst herunterzuladen. Der mögliche Vorwurf, dass damit die Chancen für neue, unbekannte Bands sinken, weil sie nicht beachtet werden, ist natürlich Unfug: Wenn ein Label physische Promo-CDs von jungen Bands verschickt, gibt es schließlich auch keine Garantie, dass diese CDs gehört und besprochen werden.

Den digitalen Promos kann ich also eine Menge abgewinnen. Doch was ist aus dieser Angst der Musik-Konzerne geworden? Die Angst, dass die Songs illegal ins Netz wandern und dort wild heruntergeladen werden? In vielen Fällen kommen die Downloads mit dem Hinweis, die mp3s seinen mit einem „persönlichen Watermark“ versehen. Was soviel heißen soll, dass eine Signatur in die Datei eingebettet ist, mit der nachgehalten werden soll, wer welche Dateien wann wohin kopiert hat. Nun kann ich mir zwar nicht vorstellen, wie das funktionieren soll – es ist mir aber auch ziemlich egal. Wer sich heutzutage immer noch in irgendwelchen dubiosen Tauschbörsen tummelt oder illegal Musik herunterlädt, hat es nicht anders verdient. Die drakonischen Strafen werden ihren Anteil daran haben, dass die Zahl der illegalen Musik-Downloads sinkt und gleichzeitig der digitale Musikverkauf populärer wird. Vielleicht hat das dazu geführt, dass die Plattenfirmen und PR-Agenturen ein wenig lockerer im Umgang mit den Journalisten geworden sind. Vielleicht haben sie auch einfach nur die Zeichen der Zeit erkannt.

Meine Arbeit mit Musikkritiken ist jedenfalls einfacher geworden. Und mein Plattenschrank quillt nicht über.

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