Die bunte schwarze Welt von Wacken (2007)

Hinweis: Dieser Beitrag ist am 05.08.2007 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline. Der Text ist ein Tageszeitung-Artikel und wurde für die Westfälische Rundschau verfasst.

Wacken Open Air 2007

Das 1800-Seelen-Dorf Wacken in Schleswig-Holstein ist das, was allgemein als Provinz bezeichnet wird. Ländliche Idylle, wenig Verkehr, grasende Kühe neben der Hauptstraße. Doch Wacken ist auch die Hauptstadt des Heavy Metal: Hier steigt das Wacken Open Air, das weltweit größte Festival lauter, harter Musik – und das außergewöhnlichste. Am Wochenende fielen rund 90.000 zumeist schwarz gekleidete, martialisch wirkende Besucher in den beschaulichen Ort ein.

Wacken Open Air 2007

Vorgarten-Bar

Am höchste Gebäude von Wacken, dem Raiffeisen-Turm im Zentrum, hängt eine riesige schwarze Flagge mit einem überdimensionalen Büffel-Kopf. Es ist das Logo vom Wacken Open Air und ein Symbol, mit dem sich mittlerweile eine ganze Region identifiziert. Während bei anderen Festivals versucht wird, die Ortschaften außen vor zu lassen, ist die Wackener Bevölkerung komplett integriert. Allein 200 Wackener sind auf dem 15 Hektar großen Festival-Gelände als Ordner im Einsatz.

Diese Helfer haben auch die „W:O:A“-Crew unterstützt, als es einige Tage zuvor ziemlich schlecht um das Festival aussah. Dauerregen hatte das Gelände in ein Schlammfeld verwandelt, knietief standen die Helfer im Modder. Die Veranstalter waren kurz davor, das Open Air abzusagen. Und das, obwohl das Festival in diesem Jahr erstmals ausverkauft war. Von 60.000 Gästen sprechen die Veranstalter – was die Dorfbevölkerung für reichlich untertrieben hält. 90.000 Fans sind es wohl mindestens, schätzt Bauer Uwe Trede. Auf seinen Feldern sowie auf Wiesen einiger benachbarter Bauern steigt das Wacken Open Air. Um das Gelände doch noch halbwegs passabel herzurichten, zogen die großen Trecker der Bauern die schweren Sattelschlepper durch den Schlamm. Das Areal vor den zwei Hauptbühnen wurde mit Stroh und Schredderabfällen bedeckt. Zuvor hatten die Organisatoren mit einem Hubschrauber das Gelände „trockengefönt“. Kein Scherz: Der Heli flog einen Meter über den Boden und versuchte zu retten, was zu retten war.

Wacken Open Air 2007Es hatte geklappt. Aufatmen nicht nur bei W:O:A-Organisatoren und Fans, sondern auch bei den Wackenern selbst. „Für uns ist das wie Weihnachten und Ostern an einem Tag“, sagt Oliver Schwill aus Wacken und schaut sich den „schwarzen Balken“ auf der Hauptstraße an. So bezeichnen die Wackener das Treiben im Dorf, wenn unzählige monochrom gekleidete Metal-Fans das Zentrum bevölkern. Auf den ersten Blick sehen sie bedrohlich aus, mit ihren seltsam bedruckten T-Shirts, mit den martialischen Verkleidungen.

Wacken Open Air 2007 - Willi Scheel

Willi Scheel (87) an seinem Marmeladenstand.

Dass der Schein trügt, wissen die Wackener. „Es sind tolle, friedliche Leute“, sagt Willi Scheel. Er ist 87 Jahre alt und während des Open Airs ständig im Ort und auf dem Festival unterwegs. Vor ein paar Jahren hatte er angefangen, den Metal-Fans seine selbstgemachte Marmelade zu verkaufen. Das kam so gut an, das er mittlerweile eine große Stammkundschaft hat. Freundschaften sind entstanden.

Stammkunden und Metal-Freunde hat auch fast jeder andere Wackener. Die Einwohner öffnen ihre Türen, bieten Frühstück an, verkaufen Getränke zu überschaubaren Preisen. Kinder bieten mit ihren Fahrrädern den „Wacken-Express“ an. Für ein wenig Geld fahren sie die Einkäufe der Festivalbesucher auf das Camping-Gelände. Extra zum Festival öffnet Hans-Jochen Böing wieder seine Gaststätte „Zur Tenne“, die er vor fünf Jahren geschlossen hat. Der Rentner kann bis zu 12 Metalheads, die nicht auf dem Gelände zelten wollen, Unterkunft bieten. Ausgebucht ist er jedes Jahr. Berührungsängste? Gibt es nicht. „In den 18 Jahren ist nie zu Ausschreitungen gekommen“, sagt Böing. Wacken ist ein friedliches Festival mit einer dreitägigen Party. Der 66-Jährige verheimlicht aber auch nicht, dass das Open Air ein enormer Wirtschaftsfaktor geworden ist. „Wacken lebt vom Festival, und es lebt gut davon.“ Hinzu kommt, dass sich der Veranstalter im Dorf stark sozial engagiert. Unter anderem wird der örtliche Sportverein gesponsert.

Mit Geld allein lässt sich das Phänomen Wacken aber nicht erklären. „Das kommt, wenn die Leute einfach miteinander reden“, versucht Festival-Sprecherin Britta Kock das Geheimnis zu lüften. Die – überwiegend älteren – Einwohner haben schnell gemerkt, dass Metal-Fans eben nicht schwarze Messen feiern und Tiere opfern. Das eisenharte Äußere ist hauptsächlich Show, eine Lebenseinstellung. „Unter der harten Schale verbergen sich tolle Menschen“, sagt Uwe Langbein. Der 71-jährige Rentner ist mit seiner Frau Ursula (70) vom fünf Kilometer entfernten Nachbarort Bockhorst zum Festival gekommen. Hören könnte er das Spektakel auch vom Nachbarort aus. Dauerbeschallung mit 120 Dezibel. Aber das Ehepaar kommt, um zu sehen. Vor allem den schon traditionellen Auftritt der Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr Wacken am Anfang des Festivals.

Wacken Open Air 2007

Die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr Wacken. Und die Post geht ab.

Blaskapelle? Auf einem Metal-Festival? Im Eingangsbereich des Festival-Geländes, mit direkter Sicht zur Hauptbühne, nehmen die Blasmusiker Stellung. Während auf der „Black Metal Stage“ die Band Sodom auf ihre Instrumente prügelt und davor zehntausende Fans ausrasten, spielt die Blaskapelle Volksweisen an. Begleitet vom Jubel hunderter Metal-Fans, die zu „Rosamunde“ ihre Mähnen fliegen lassen. Die Blaskapelle ist ein fester Bestandteil des Festivals, das eigentlich ausschließlich Musik-Kost der härtesten Gangart bietet. Saxon, Iced Earth, Dimmu Borgir und In Flames sind die Top-Gruppen dieses Jahres. Insgesamt spielen an den drei Tagen mehr als 70 Bands. Drei Hauptbühnen gibt es, hinzu kommt die „Wet-Stage“ in einem Zelt. Oft gibt’s auf mehreren Bühnen gleichzeitig was auf die Ohren.

Die Koexistenz dieser Welten war für die südkoreanische Regisseurin Sung-Hyung Cho Anlass, einen Dokumentarfilm über das Wacken Open Air und über die Wackener selbst zu drehen. Der vielfach ausgezeichnete Heimatfilm Full Metal Village zeigt eindrucksvoll die Kontraste und Gegensätze – und hat dem Festival einen weiteren Schub gegeben. Mehr als 2300 Journalisten aus aller Welt sind gekommen, um über das Wacken Open Air zu berichten.

Heavy Metal, ein seltener Gast in den Pop-dominierten Charts, ist plötzlich Thema in den Hauptnachrichten von ARD (2) und ZDF.

Das wird auch im kommenden Jahr 2008 so sein. Dann wird das Wacken Open Air vermutlich noch ein Stück größer werden. Iron Maiden haben sich angekündigt.

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One thought on “Die bunte schwarze Welt von Wacken (2007)

  1. nurse practitioner

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