Death-Metal-Sänger darf kein Lehrer werden

In Stuttgart ist einem Referendaren vom Regierungspräsidium Stuttgart die Kündigung nahe gelegt worden (1, 2, 3).  Weil er Sänger in Death-Metal-Band ist. Es handelt sich um Thomas Gurrath, 29 Jahre, Sänger und Kopf von Debauchery. In der Szene ist die 2002 gegründete Band recht bekannt, hat bereits mehrere Platten veröffentlicht und tritt regelmäßig auf Festivals auf. Bei diesen Auftritten machen die Musiker das, was Death-Metal-Bands auf der Bühne eben so machen: ordentlich Krach, mit Texten über Tod, Verderben und Gedärm, mit einer dazu passenden, an Splatter-Filmen angelehnten Bühnenshow. Das alles passiert recht ausschweifend – was, nebenbei, die sinngemäße Übersetzung für debauchery ist. Das sieht (in diesem etwas älteren Video aus dem Jahr 2005) dann so aus:

Es ist sozusagen die Standard-Ausführung von Death-Metal. Doch das, was die Künstler auf der Bühne und im Tonstudio treiben, ist nur eine Seite ihres Lebens. Die öffentliche, extrovertrierte Seite. Sie muss sich nicht mit dem Privaten oder Hauptberuflichen decken – und in den allermeisten Fällen tut sie es auch nicht.  Das Hauptberufliche von Thomas Gurrath spielt sich in der Schule ab. Er ist Referendar, will sein Examen machen und Lehrer werden. Dass es dazu vermutlich nicht kommen wird, hängt mit seiner anderen Seite, mit seiner Musik zusammen. Irgendwann sind seine Ausbildungslehrer auf seine Band Debauchery gestoßen, sahen dabei viel Kunstblut, augenscheinlich Pornographisches, Brutales, und hörten eine Musik, die sie vermutlich nicht sonderlich anregend fanden. Der Fall erreichte das Ministerium – und dort konnte man den angehenden Lehrer Gurrath mit dem Künstler Gurrath ebenfalls nicht auf einen Nenner bringen. Schüler nahmen ebenfalls Notiz davon, googelten Gurrath resp. Debauchery und fanden auf Youtube Videos wie das oben. Vermutlich waren die Schüler sogar die ersten, die über die musikalische Nebentätigkeit ihres Referendaren erfuhren: Es ist seit einiger Zeit usus, dass Schüler nach Details über ihre Lehrer im Netz suchen.

Über die Geschichte wird detailliert im Artikel der Welt berichtet.  Der Autor Dirk Peitz beschreibt den Menschen Gurrath sehr nah, hält dennoch die gebotene Distanz. Er bewertet nicht, sondern beobachtet, erzählt, nennt die die Fakten. Es ist ein sehr guter Artikel, der beide Seiten der Geschichte beleuchtet.

Es ist aber auch die einzige Möglichkeit, sich diesem Thema zu nähern. Schließlich ist es sehr leicht, sich darüber zu empören. Dass doch solche Menschen nicht unsere Kinder unterrichten dürfen. Dass es abstoßend ist, ein schlechtes Bild auf Lehrer wirft und die Schüler negativ beeinflusst. In diese Richtung geht naturgemäß die Bild-„Zeitung“ mitsamt ihrer Zielgruppe.

Andererseits ist es auch sehr leicht, in die Gegenrichtung abzudriften. Über Kleinbürgertum, Unverständnis gegenüber der Kunst, mangelnder Toleranz in einer aufgeklärten Gesellschaft zu schimpfen. Dass ein Berufsverbot – worauf es in diesem Fall ja letztlich hinausläuft – nichts anderes als Diskriminierung sei. Diese Haltung wird wohl ein Großteil der Kunst- / Metal-Szene einnehmen.

Tatsächlich bewegen wir uns hier in einer Grauzone. Auf beiden Seiten gibt es gute Argumente, nur heben sie sich gegenseitig auf. Selbstverständlich darf und soll ein Mensch seine Kunst ausleben.  Nur weil jemand über das Töten singt und zu extremen Mitteln der Visualisierung greift, heißt das noch lange nicht, dass er das tatsächlich auf das reale Leben überträgt.

Jeder vernünftig denkende Erwachsene würde das so sehen. Und kein Arbeitgeber würde seinen Sachbearbeiter, Bankangestellten oder Versicherungsvertreter kündigen, weil dieser nebenbei auf der Bühne die Sau rauslässt. Auch würde kein Arbeitsgericht eine solchen Kündigung durchwinken. Nur haben wir es hier mit einem Job zu tun, in dem Kinder im Mittelpunkt stehen. Kinder, jedenfalls bis zu einem gewissen Alter, können nicht derartig reflektieren und die künstlerische Seite nicht unbedingt vom alltäglichen Leben trennen. Kinder, auch Jugendliche, saugen Erlebnisse und Erfahrungen auf – und sie lassen sich beeinflussen.  Einem Kind, das seinen Lehrer in Kunstblut badend gesehen hat, von eben diesem Lehrer Ethik näherzubringen … ist ein ambitioniertes Unterfangen. Das Problem ist im übrigen auch auf die Eltern übertragbar: Würde ich, der diverse Death-Metal-Platten und -DVDs im Schrank stehen hat, diese Platten und DVDs zusammen mit meinem Kind anschauen, während ich versuche, ihm Werte und die Ablehnung von Gewalt beizubringen?

Es ist äußerst schwierig, eine Antwort auf die Frage zu finden: „Würde ich mein Kind von so einem Lehrer unterrichten lassen?“ Käme der Fall vor Gericht, möchte nicht der Richter sein, der darüber zu entscheiden hat.

http://www.debauchery.de/index_flash.html

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2 thoughts on “Death-Metal-Sänger darf kein Lehrer werden

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