Kategorie-Archiv: westropolis

Zum Ende von Westropolis

Westropolis, das Kultur-Blog der WAZ-Mediengruppe, ist Anfang des Jahres offline gegangen. Das Experiment sei beendet, so die offizielle Mitteilung – fast vier Jahre und rund 5600 Beiträge nach dem Start. Obwohl ich bei der WAZ-Mediengruppe arbeite, kenne ich die Gründe für das Aus nicht. Fest steht nur, dass nun sämtliche Westropolis-Links auf die Kulturseite von derwesten.de weiterleiten. Alle Beiträge inklusive der Kommentare sind nicht mehr verfügbar.

Auch ich hatte einige Beiträge auf Westropolis veröffentlicht. Das waren zwar nicht besonders viele und nicht allen muss hinterhergetrauert werden. Einige möchte ich aber doch behalten und weiterhin im Netz lesen können, mehr für mich selbst denn für die Allgemeinheit. Daher veröffentliche ich hier auf Hart gerockt meine alten Westropolis-Texte, jeweils zurückdatiert auf den 1.1.2011 und zusammengefasst unter der Kategorie Westropolis. Das ursprünglich Erscheinungsdatum wird in den Beiträgen ebenfalls vermerkt. Es sind die reinen Beiträge, ohne die dazu auf Westropolis abgegebenen Kommentare, und zumeist ohne Bilder. Die habe ich nicht mitgesichert.

Westropolis war im Februar 2007 als Vorläufer von derwesten.de an den Start gegangen. Mit derwesten.de hatte die WAZ-Mediengruppe die Online-Auftritte ihrer NRW-Zeitungen zu einem großen Portal zusammengefasst. Mehr über das nun beendete Projekt steht im Pottblog und bei den Ruhrbaronen. Der Revierflaneur, ursprünglich Mitglied des Haupt-Autorenteams bei Westropolis, hat eine Art Nachruf verfasst.

Die Grafik zeigt eine Visualisierung der Webseiten-Struktur (Ausschnitt) von Westropolis, Stand 3. März 2008. Der Graph-Service wird von aharef.info angeboten.

Die bunte schwarze Welt von Wacken (2007)

Hinweis: Dieser Beitrag ist am 05.08.2007 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline. Der Text ist ein Tageszeitung-Artikel und wurde für die Westfälische Rundschau verfasst.

Wacken Open Air 2007

Das 1800-Seelen-Dorf Wacken in Schleswig-Holstein ist das, was allgemein als Provinz bezeichnet wird. Ländliche Idylle, wenig Verkehr, grasende Kühe neben der Hauptstraße. Doch Wacken ist auch die Hauptstadt des Heavy Metal: Hier steigt das Wacken Open Air, das weltweit größte Festival lauter, harter Musik – und das außergewöhnlichste. Am Wochenende fielen rund 90.000 zumeist schwarz gekleidete, martialisch wirkende Besucher in den beschaulichen Ort ein.

Wacken Open Air 2007

Vorgarten-Bar

Am höchste Gebäude von Wacken, dem Raiffeisen-Turm im Zentrum, hängt eine riesige schwarze Flagge mit einem überdimensionalen Büffel-Kopf. Es ist das Logo vom Wacken Open Air und ein Symbol, mit dem sich mittlerweile eine ganze Region identifiziert. Während bei anderen Festivals versucht wird, die Ortschaften außen vor zu lassen, ist die Wackener Bevölkerung komplett integriert. Allein 200 Wackener sind auf dem 15 Hektar großen Festival-Gelände als Ordner im Einsatz.

Diese Helfer haben auch die “W:O:A”-Crew unterstützt, als es einige Tage zuvor ziemlich schlecht um das Festival aussah. Dauerregen hatte das Gelände in ein Schlammfeld verwandelt, knietief standen die Helfer im Modder. Die Veranstalter waren kurz davor, das Open Air abzusagen. Und das, obwohl das Festival in diesem Jahr erstmals ausverkauft war. Von 60.000 Gästen sprechen die Veranstalter – was die Dorfbevölkerung für reichlich untertrieben hält. 90.000 Fans sind es wohl mindestens, schätzt Bauer Uwe Trede. Auf seinen Feldern sowie auf Wiesen einiger benachbarter Bauern steigt das Wacken Open Air. Um das Gelände doch noch halbwegs passabel herzurichten, zogen die großen Trecker der Bauern die schweren Sattelschlepper durch den Schlamm. Das Areal vor den zwei Hauptbühnen wurde mit Stroh und Schredderabfällen bedeckt. Zuvor hatten die Organisatoren mit einem Hubschrauber das Gelände “trockengefönt”. Kein Scherz: Der Heli flog einen Meter über den Boden und versuchte zu retten, was zu retten war.

Wacken Open Air 2007Es hatte geklappt. Aufatmen nicht nur bei W:O:A-Organisatoren und Fans, sondern auch bei den Wackenern selbst. „Für uns ist das wie Weihnachten und Ostern an einem Tag“, sagt Oliver Schwill aus Wacken und schaut sich den „schwarzen Balken“ auf der Hauptstraße an. So bezeichnen die Wackener das Treiben im Dorf, wenn unzählige monochrom gekleidete Metal-Fans das Zentrum bevölkern. Auf den ersten Blick sehen sie bedrohlich aus, mit ihren seltsam bedruckten T-Shirts, mit den martialischen Verkleidungen.

Wacken Open Air 2007 - Willi Scheel

Willi Scheel (87) an seinem Marmeladenstand.

Dass der Schein trügt, wissen die Wackener. „Es sind tolle, friedliche Leute“, sagt Willi Scheel. Er ist 87 Jahre alt und während des Open Airs ständig im Ort und auf dem Festival unterwegs. Vor ein paar Jahren hatte er angefangen, den Metal-Fans seine selbstgemachte Marmelade zu verkaufen. Das kam so gut an, das er mittlerweile eine große Stammkundschaft hat. Freundschaften sind entstanden.

Stammkunden und Metal-Freunde hat auch fast jeder andere Wackener. Die Einwohner öffnen ihre Türen, bieten Frühstück an, verkaufen Getränke zu überschaubaren Preisen. Kinder bieten mit ihren Fahrrädern den „Wacken-Express“ an. Für ein wenig Geld fahren sie die Einkäufe der Festivalbesucher auf das Camping-Gelände. Extra zum Festival öffnet Hans-Jochen Böing wieder seine Gaststätte „Zur Tenne”, die er vor fünf Jahren geschlossen hat. Der Rentner kann bis zu 12 Metalheads, die nicht auf dem Gelände zelten wollen, Unterkunft bieten. Ausgebucht ist er jedes Jahr. Berührungsängste? Gibt es nicht. „In den 18 Jahren ist nie zu Ausschreitungen gekommen“, sagt Böing. Wacken ist ein friedliches Festival mit einer dreitägigen Party. Der 66-Jährige verheimlicht aber auch nicht, dass das Open Air ein enormer Wirtschaftsfaktor geworden ist. „Wacken lebt vom Festival, und es lebt gut davon.“ Hinzu kommt, dass sich der Veranstalter im Dorf stark sozial engagiert. Unter anderem wird der örtliche Sportverein gesponsert.

Mit Geld allein lässt sich das Phänomen Wacken aber nicht erklären. „Das kommt, wenn die Leute einfach miteinander reden“, versucht Festival-Sprecherin Britta Kock das Geheimnis zu lüften. Die – überwiegend älteren – Einwohner haben schnell gemerkt, dass Metal-Fans eben nicht schwarze Messen feiern und Tiere opfern. Das eisenharte Äußere ist hauptsächlich Show, eine Lebenseinstellung. „Unter der harten Schale verbergen sich tolle Menschen“, sagt Uwe Langbein. Der 71-jährige Rentner ist mit seiner Frau Ursula (70) vom fünf Kilometer entfernten Nachbarort Bockhorst zum Festival gekommen. Hören könnte er das Spektakel auch vom Nachbarort aus. Dauerbeschallung mit 120 Dezibel. Aber das Ehepaar kommt, um zu sehen. Vor allem den schon traditionellen Auftritt der Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr Wacken am Anfang des Festivals.

Wacken Open Air 2007

Die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr Wacken. Und die Post geht ab.

Blaskapelle? Auf einem Metal-Festival? Im Eingangsbereich des Festival-Geländes, mit direkter Sicht zur Hauptbühne, nehmen die Blasmusiker Stellung. Während auf der „Black Metal Stage“ die Band Sodom auf ihre Instrumente prügelt und davor zehntausende Fans ausrasten, spielt die Blaskapelle Volksweisen an. Begleitet vom Jubel hunderter Metal-Fans, die zu „Rosamunde“ ihre Mähnen fliegen lassen. Die Blaskapelle ist ein fester Bestandteil des Festivals, das eigentlich ausschließlich Musik-Kost der härtesten Gangart bietet. Saxon, Iced Earth, Dimmu Borgir und In Flames sind die Top-Gruppen dieses Jahres. Insgesamt spielen an den drei Tagen mehr als 70 Bands. Drei Hauptbühnen gibt es, hinzu kommt die “Wet-Stage” in einem Zelt. Oft gibt’s auf mehreren Bühnen gleichzeitig was auf die Ohren.

Die Koexistenz dieser Welten war für die südkoreanische Regisseurin Sung-Hyung Cho Anlass, einen Dokumentarfilm über das Wacken Open Air und über die Wackener selbst zu drehen. Der vielfach ausgezeichnete Heimatfilm Full Metal Village zeigt eindrucksvoll die Kontraste und Gegensätze – und hat dem Festival einen weiteren Schub gegeben. Mehr als 2300 Journalisten aus aller Welt sind gekommen, um über das Wacken Open Air zu berichten.

Heavy Metal, ein seltener Gast in den Pop-dominierten Charts, ist plötzlich Thema in den Hauptnachrichten von ARD (2) und ZDF.

Das wird auch im kommenden Jahr 2008 so sein. Dann wird das Wacken Open Air vermutlich noch ein Stück größer werden. Iron Maiden haben sich angekündigt.

Gefahren am Arbeitsplatz

Dieser Beitrag ist am 12.07.2007 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

Mein Arbeitsplatz hat einen gravierenden Nachteil: Es wird mir das Rauchen verboten. Nein, eine Beschwerde soll das nicht werden, fanatische Gesundheitsapostel brauchen keinen Protestanlauf nehmen, sollen den Zeigefinger senken und ihre Kommentare für sich behalten. Gegen das Rauchverbot hab’ ich gar nichts. Es ist ok.

Allerdings braucht der Raucher in tabakgenussfeindlichen Arealen eine Ersatzdroge.

Bei mir ist es Kaugummi. Dass ist noch nicht verboten und eine EC-Karte braucht’s für den Erwerb auch nicht.

Probleme gibt’s trotzdem. Nämlich mit der Zellophan-Verpackung, die die Kaugummi-Dose nahezu atombombensicher umschließt. Der Versuch, das Plastik abzureißen, schlug fehl. Statt dessen riss der Fingernagel. Den Schmerz ignorierend, griff ich zur Schere, rutschte ab und rammte mir diese herzhaft in den Arm. Als die Blutung stoppte, versuchte ich es mit Werfen, Treten und Brüllen. Klappte auch nicht.

Ich bin dann eine rauchen gegangen. Dabei geht unterm Strich weniger Arbeitszeit flöten.

Und es ist ungefährlicher.

American Football und die Missionare

Dieser Beitrag ist am 04.02.2008 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

Die USA machen’s vor, mit einer gewissen Verzögerung macht’s Europa nach. Die Regel ist an sich richtig, doch es gibt Ausnahmen. Zum Glück. Denn eine dieser Ausnahmen ist der American Football. Trotz etlicher Versuche hat sich diese Sportart bei uns nicht durchsetzen können. Und wird es auch nicht. Weil die Amerikaner immer noch nicht verstanden haben, dass Sportkultur nicht eins zu eins auf andere Länder gepresst werden kann.

Der jüngste dieser Versuche ist im vergangenen Jahr still und heimlich gescheitert: Die Europäische Football-Liga ist aufgelöst worden. Bemerkt hat es kaum jemand, in den Medien war davon hauptsächlich in den Meldungsspalten zu lesen. Warum hätte auch etwas geschrieben werden müssen? Es waren ja kaum Europäer in den Teams. Tatsächlich ist die Anzahl der Football-Fans in Deutschland recht überschaubar. Selbst beim Super-Bowl, dem „Spektakel des Jahres“, wollten bei der ARD durchschnittlich nur 11,7 Prozent des Gesamtpublikums zuschauen. Die schlechte Quote lässt sich natürlich mit der nächtlichen Übertragung zwischen 24 und 4 Uhr erklären – sie zeigt aber auch, dass diese Sportart hier auf Unverständnis stößt.

Und das hängt letztlich mit der Arroganz zusammen, mit der die Amerikaner ihren Sport wie einst die mittelalterlichen Missionare zu verbreiten versuchen. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Ausdrucksweise anzupassen, als sie die Europäische Liga gründeten. „Sack“, „Interception“, „Quarterback“ – die Übernahme dieser Begriffe war eine Selbstverständlichkeit. Als ob die deutsche Sprache nicht schon genug unter Anglizismen zu leiden hätte. Dieser Vorwurf richtet sich übrigens vornehmlich gegen die Sportjournalisten. Sie hätten es in der Hand gehabt, dem deutschen Publikum diesen Sport näher zu bringen. Stattdessen plapperten sie nur das nach, was ihre englischsprachigen Kollegen von sich geben, vielleicht ergänzt mit der ein oder anderen Erklärung.

Gut – ein Tochdown bleibt ein Touchdown. Da verhält es sich wie beim Airbag. Niemand käme auf die Idee, „Luftsack“ zu sagen. Es klänge arg albern. Dennoch hätte es für die Missionare der erste Schritt sein müssen, die Sprache der Ketzer zu verwenden. Und so einfach. „Stoppen“, „Ballabnahme“, „Spielführer“ (oder wahlweise Kapitän). Vielleicht wäre ein eigener Name für diesen Sport auch angebracht gewesen. Football hat schließlich nichts mit Fußball zu tun und die Amerikaner sagen auch Soccer, wenn sie den Weltsport Football meinen.

Für die breite Masse hätte die Sprache ein Zugang zu einem Spiel sein können, das übrigens gar nicht so kompliziert ist. Es geht schlicht um Raumgewinn, in maximal vier Versuchen müssen 10 Yard (9,1 Meter) erobert werden. Klappt das, gibt’s erneut vier Versuche. So lange, bis der Ball in der gegnerischen Endzone (Touchdown) ist. Klappt es nicht, erhält der Gegner den Ball. Das ist zwar, zugegeben, eine sehr grobe Zusammenfassung, aber für den Einstieg reicht es.

Hätte nun allein die Sprache gereicht, um diesen Sport hier zu etablieren? Unwahrscheinlich. Ein Spielzug dauert nur ein paar Sekunden, danach wird sich beraten. Spieler verlassen das Feld und machen Platz für Spezialisten, je nach Situation. Es gibt Spieler, die einzig und allein dafür da sind, gegen den Ball zu treten. Wenn ein Feldtor erzielt werden soll, kommen sie auf den Platz, schießen ein Mal und können danach Feierabend machen. Eine hierzulande recht gewöhnungsbedürftige Vorgehensweise in Sachen Mannschaftssport.

Wenn die Zeit für Beratungen nicht reicht, gibt’s noch Auszeiten (Entschuldigung: Timeouts). Will das Fernsehen Werbung zeigen, wird das Spiel ebenfalls unterbrochen. Übrigens noch so eine US-Erfindung, die sich hier hoffentlich nie (zumindest beim Fußball) durchsetzen wird.

Die Amerikaner begründen die Unterbrechungen mit der Floskel „Schach auf dem Rasen“ und dass dabei eben nachgedacht werden müsse. Außerdem sei der Sport grundsätzlich spannend. Weil man nicht auf Zeit spielen und den Ball nicht einfach hin- und her kicken oder tragen könne.

Das mag für Amerika der Fall sein. Für den Rest der Welt ist es langweilig. Das gilt auch für den Super-Bowl in der Nacht zu Montag. Die Begegnung New England Patriots gegen New York Giants hatte sicherlich ihre Momente und die Schlussphase war zweifelsfrei ein Krimi. Bei einer Brutto-Spielzeit von gut drei Stunden beherrschte allerdings überwiegend Inaktivität das Geschehen.

Um diese Zeit zu überbrücken, haben die Amerikaner die Cheerleader erfunden. Außerdem wird viel gegessen. Sowohl im Stadion als auch vor dem Fernseher. Ok, das können die Amerikaner ziemlich gut. Und sie freuen sich über innovative Werbespots, die während des Super-Bowl erstmalig ausgestrahlt werden. Unterm Strich ist American Football ein Rahmenprogramm, das gelegentlich vom Spiel unterbrochen wird. Das Spektakel mag zwar toll sein, es kollidiert jedoch mit dem europäischen Verständnis für Sportkultur. Anders sähe es vermutlich aus, sollte Stefan Raab mal auf die Idee kommen, neben seiner Wok-WM auch ein Football-Event auf die Beine zu stellen. Es würde mit Sicherheit ein großer Erfolg. Doch es wäre wie bei allen Raab-Shows Unterhaltung, kein Sport.

Gibt es bei Football also nichts, was sich zu übernehmen lohnte? Doch! Zum Beispiel die Ausschreitungen vor, während und nach den Spielen. Die gibt es nämlich nicht. Hooligans sind im American Football nicht bekannt. Die Spiele sind ein Ereignis für die ganze Familie, die Fans der Mannschaften müssen im Stadion nicht einmal getrennt werden. Und davon könnten wir uns tatsächlich etwas annehmen.

Das Ende von Brockhaus

Dieser Beitrag ist am 12.02.2008 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

Die große Brockhaus-Enzyklopädie wird es bald nicht mehr geben. Überhaupt nicht? Nun, zumindest nicht mehr in gedruckter Form, sondern nur noch im Netz. Aber langfristig, leider, wohl gar nicht mehr.

Es sei “absolut nicht sicher“, ob es eine 22. Auflage des berühmten Nachschlagewerks geben werde, hat Brockhaus-Vorstand Marion Winkenbach gesagt. Der Schwerpunkt werde mit frei abrufbaren Inhalten ins Netz gelegt, Geld solle mit Werbung verdient werden. Ab April.

Zum gedruckten Brockhaus sei vorhergesagt: Es wird mit Sicherheit keine neue Auflage auf Papier geben. So schön sich die 30 Bände im Bücherschrank auch machen, so anregend, ja vielleicht sogar sinnlich das Blättern in den Nachschlagewerken auch ist – es gibt einfach viel zu wenig Menschen, die bereit sind, fast 3000 Euro für eine Enzyklopädie auszugeben, die aufgrund des endlichen Platzes nicht über alle Themen informieren kann, naturgemäß schnell an Aktualität verliert und zudem nur an einem Ort und recht langsam abrufbar ist.

Was direkt zum Punkt online führt: Brockhaus hätte schon längst reagieren müssen, hat aber die wachsende Macht von Wikipedia schlicht und einfach verpennt. Spätestens das Abrufen von Wikipedia-Inhalten auf dem Handy hat der großen Enzyklopädie den empfindlichsten, vielleicht den fatalen Schlag versetzt. Der jetzige Schritt kommt also einige Jahre zu spät.

Jetzt versucht Brockhaus, die Verfolgung aufzunehmen. Ob der immense Vorsprung trotz der angekündigten Features – unter anderem Videosequenzen und Karten – aufgeholt werden kann? Hm …

Oder, anders gefragt: Angesichts der (schon vorhandenen und weiter wachsenden) Qualität, die Wikipedia liefert, der stetig wachsenden Inhalte und der bemerkenswerten Aktualität – was sollte mich nach brockhaus.de locken?Schade, Brockhaus. Eigentlich hatte ich gehofft, mir irgendwann doch die vollständige, 30-bändige Holzvariante anschaffen zu können. Andererseits … dann hätte ich zwar einen hübschen Staubfänger und vielleicht auch ein Statussymbol – aber keinen sonderlichen Vorteil und viel Geld weniger in der Tasche.

Nie mehr JBK, nie mehr Beckmann. Versprochen.

Dieser Beitrag ist am 21.05.2007 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

In memory of my Fernseher

Mein Fernseher ist kaputt gegangen. Einfach so, ohne Vorwarnung. Er schaltete sich während Beckmann aus und gibt seitdem kein Lebenszeichen von sich. Ich deutete es als Protest des Gerätes – gegen die zugegebenermaßen gruseligen TV-Programme, die ich bisweilen einstelle.

Aber den Beckmann hat mein Fernseher schon öfters ertragen müssen. Und gelegentlich sogar den Kerner. In beiden Fällen gab’s selten Aussetzer. Beim Gerät, nicht bei Beckmann und Kerner.

Nun war es aber wohl doch zuviel, es folgte der finale Zusammenbruch. Der Techniker murmelte etwas von „kalten Lötstellen, lohnt sich nicht”. Und ich ganz allein bin Schuld daran. Denn grob fahrlässig ließ ich meinen doch recht jungen Fernseher innerlich erfrieren, nur weil ich diesem dubiosen Treiben unverantwortlicher Moderatoren keinen Einhalt geboten habe.  Beckmann und Kerner machen kalte Lötstellen. Einerseits hätte ich ja einfach umschalten können. Andererseits ist es ein bisschen wie beim Autounfall: Alles ist ganz schrecklich, aber man kann nicht weggucken.

Meine mangelnde Willenskraft muss ich nun teuer mit dem Erwerb eines neuen Fernsehers bezahlen. Und damit das alles nicht nochmal passiert, verspreche ich dem Neuen: Nie, nie wieder Beckmann. Und auch nicht Kerner.

Elvis und JFK – die Retter des Altenheims

Dieser Beitrag ist am 22.04.2007 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

Bubba Ho-Tep (Special Edition, 2 DVDs)

Im Prinzip haben wir’s alle gewusst: Elvis lebt! Neu ist hingegen das Wo und Wie – in einem heruntergekommenen Altenheim irgendwo in Texas, als Krüppel ans Bett gefesselt, bedroht von einer seelenfressenden Mumie. Das ist der Ausgangspunkt in “Bubba Ho-Tep” – und der Beginn einer wunderbar schrägen Geschichte, die sich nur schwerlich in eines der gängigen Genres pressen lässt.

Es gibt Filme, an die man ohne jegliche Erwartungen und nur mit ausgeschaltetem Logik-Bewusstsein herangehen sollte. Unter diesen Voraussetzungen entfaltet auch Bubba Ho-Tep von Don Coscarelli seine optimale Wirkung. Dann fällt es nicht schwer, die Geschichte von Elvis (herausragend gespielt von Bruce Campbell) zu glauben. Und die seines Zimmernachbarn – kein geringerer als John F. Kennedy (Ossie Davis). Der hat das Attentat zwar überlebt, wurde aber anschließend vom Geheimdienst “umlackiert” und als Schwarzer ins Altenheim abgeschoben (“Da sieht du mal, wie clever die sind”).

Es ist ein jämmerliches Leben, dass die alternden Stars führen. Wer glaubt schon einem Schwarzen, dass er früher einmal Präsident, sogar der Präsident war? Und der King wird in der Altenheim-Kartei lediglich als der Elvis-Doppelgänger Sebastian Haff geführt. Dass er vor vielen Jahren sein Leben bewusst mit dem des Doppelgängers getauscht hatte, weil er des Ruhmes, Geldes und all der Frauen überdrüssig war – wohl ein offensichtliches Hirngespinst eines debilen Alten.

Das Publikum hingegen sieht einstige Helden am trostlosen Ende ihres Weges. Fast schon philosophisch sind die Momentaufnahmen aus Sicht des bettlägerigen Elvis, der das Leben an sich vorüberziehen sieht. Er selbst wird vom Leben kaum wahrgenommen, weder vom ruppigen Heim-Personal noch von den wenigen Besuchern. Er liegt im Bett, mit einer kaputten Hüfte und einem Krebsgeschwür am besten Stück. Er wartet auf den Tod, während er darüber nachdenkt, wann er wohl das letzte Mal einen ordentlichen Ständer hatte.

Der Tod ist tatsächlich nicht weit – nicht nur in der für alte Menschen realen, sondern auch in der fantastischen Form: Eine rentnerseelenfressende altägyptische Mumie treibt ihr Unwesen im Altenheim. Rentner können sich schließlich nicht wehren, niemandem fällt ihr Ableben auf. Vielleicht wäre der Mumien-Spuk tatsächlich niemanden aufgefallen – wenn nicht auch tote Pharaonen sich ihres Verdauten entledigen müssten. Und sie dabei aus purer Langeweile merkwürdige Hieroglyphen auf die Klo-Wände schmieren.

Um es kurz zu machen: Elvis und JFK erkennen die Gefahr, gewinnen so ihre Lebensenergie zurück und werfen dabei mit Zitaten aus der Welt- und Filmgeschichte nur so um sich: „Frage nicht, was dein Altenheim für dich tun kann, sondern was du für dein Altenheim tun kannst!“ Zwei Rentner machen mit Gehhilfe und Rollstuhl Jagd auf ein Monster – einfach wunderbar.

Bubba Ho-Tep“, eine kanadische Low-Budget-Produktion, ist bereits im Jahr 2004 erschienen: Eine Horrorkomödie, gewürzt mit einer Prise Western, einem Schuss Melancholie und etwas Philosophie, garniert mit jeder Menge schwarzem Humor. Dass im gesamten Film kein einziger Song von Elvis gespielt wird, hat wohl finanzielle Gründe – die Rechte hätten den schmalen Etat gesprengt. Doch dieses Manko wirkt sich erstaunlich positiv aus: der Soundtrack fügt sich hervorragend in die fotografierte Grundstimmung ein.

Das Werk von Don Coscarelli flimmerte in Deutschland nur auf wenigen Kino-Leinwänden und war lange Zeit nur als Import erhältlich. Dass „Bubba Ho-Tep“ dabei unter dem Genre „Horror“ geführt wurde (und teils immer noch wird), ist ein Fehler. Denn so werden wohl die meisten potenziellen Zuschauer nicht auf dem Film aufmerksam – und verpassen nicht nur die großartige Schauspiel-Leistung von Bruce Campbell (Tanz der Teufel, Armee der Finsternis). Zwar ist ein bisschen Grusel durchaus enthalten, der Schwerpunkt liegt aber in abstruser Komödie.

Die deutsche Version ist seit einiger Zeit im Verleih, im Mai kommt der Film als Special-Edition-DVD-Kaufversion in die Läden – und sei hiermit wärmstens zur Aufnahme in die heimische Kollektion empfohlen.

Nebenbei: Momentan laufen die Vorbereitung für eine Fortsetzung (bzw. Prequel). In “Bubba Nosferatu and the Curse of the She-Vampires” (Arbeitstitel) wird die Vorgeschichte von „Bubba Ho-Tep“ erzählt – ebenfalls mit Bruce Campbell als Elvis. Dass er sich dabei mit weiblichen Vampiren herumschlagen muss … das klingt schon ziemlich vielversprechend.

Walhalla so nah – und dem Tinnitus

Dieser Beitrag ist am 28.03.2007 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

Manowar lassen in der Westfalenhalle Dortmund kein Klischee aus

Die Ohrenstöpsel gab’s am Eingang zum Selbstkostenpreis. Es war einer der meistverkauften Artikel in der Westfalenhalle – denn ohne Gehörschutz käme auch niemand auf die Idee, sich neben einen startenden Jumbo-Jet zu stellen. Diese Lautstärke gehört bei einem „Manowar”-Konzert aber zum guten Ton. Die „lauteste Band der Welt” drehte wieder mächtig auf. Mehr als zwei Stunden lang.

Unter Journalisten gibt es Formulierungen, deren Verwendung mit der Fütterung des Phrasenschweins bestraft werden. „Die Halle bebte” gehört dazu. In diesem Fall soll eine Ausnahme gemacht werden: Sie bebte wirklich. Immer wieder mussten die Verkäuferinnen Prospekte aufsammeln, die von den Druckwellen aus den Regalen geschleudert wurden. Ja, es war mächtig laut in der Nacht zum 28. März 2007. Umso erstaunlicher ist es, wie glasklar und präzise der brachiale Sound der vier Metal-Helden aus den Boxentürmen dröhnte. Selbst nach 27 Jahren sind Manowar kein Stückchen leiser geworden, hauen wie eh und je mächtig auf die Kacke und lassen kein Klischee aus.

Sie haben den „true Metal” erfunden (die wirklich wahrste wahre Schwermusik überhaupt), besingen nordischen Mythen, Walhalla, Heldentum und Ehre. Ihre Lederklamotten ziehen sie nicht mal zum Schlafen aus, holen zeigefreudige (natürlich nur weibliche) Fans auf die Bühne und berichten dabei allzu gerne über Praktiken der menschlichen Fortpflanzung.

Hört sich peinlich an? Wäre es tatsächlich, wenn es eine andere Band als Manowar machen würde. Von den selbsternannten Metal-Königen wird genau das erwartet, und genau das haben die rund 7000 Besucher in Dortmund bekommen. Dabei ist es manchmal gar nicht so einfach herauszufinden, was die Jungs denn nun ernst meinen oder nicht. Die “Metal Kings” bewegen sich stets auf dem schmalen Grad zwischen Selbstironie und grandioser Selbstüberschätzung. Das gilt im übrigen auch für die Fans: Nehmen sie das nun ernst, was Manowar von sich geben, oder ist es für sie eine große, laute Comedy-Show? Unstrittig ist nur, dass Manowar-Konzerte einen sehr hohen Unterhaltungsfaktor haben.

Als Zugabe zum üblichen True-Metal-Gedöns gab’s in Dortmund eine angedeutete Heirat auf der Bühne; ein Besucher durfte sogar hoch zu den Helden und bei einer Jam-Session mitmachen. Er hatte wohl den Tag seines Lebens – und es diese Nähe zu den Fans, die Manowar ausmacht.

Dabei schien es zunächst, dass die vier Amerikaner, die ihr Alter so geheim wie die US-Regierung die Area 51 halten, ein wenig müde geworden sind. Die ersten Songs kamen recht kraftlos, fast schon langsam. Zum Schluss des mehr als zweistündigen Konzertes versagte sogar zeitweise die Stimme von Sänger Eric Adams. Außerdem verzichtete die Gruppe dieses Mal, mit ihren Harleys auf die Bühne zu brettern – fast schon ein Traditionsbruch.

Vielleicht sprang deshalb der Funke nicht sofort über – dann aber mit Manowar-typischer Gewalt. Die Könige hatten sich warmgespielt, kramten in ihrer Schatzkiste und spielten die größten Hits. Nur vereinzelt waren Stücke aus dem neuen Album „Gods of war” dabei, das in Deutschland mittlerweile Gold-Status erreicht hat.

Diese neuen Songs sollten erst bei der Zugabe gepielt werden, die immerhin gut eine halbe Stunde dauerte. Es war gleichzeitig der Höhepunkt des Konzertes: Etliche Statisten stiegen auf ein überdimensionales Wikingerschiff im Hintergrund und kämpften sagenhaft-nordische Schlachten nach. Deftige Pyro-Effekte inklusive.

Klotzen, nicht kleckern. Für Manowar gilt das wie eh und je.