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Zum Ende von Westropolis

Westropolis, das Kultur-Blog der WAZ-Mediengruppe, ist Anfang des Jahres offline gegangen. Das Experiment sei beendet, so die offizielle Mitteilung – fast vier Jahre und rund 5600 Beiträge nach dem Start. Obwohl ich bei der WAZ-Mediengruppe arbeite, kenne ich die Gründe für das Aus nicht. Fest steht nur, dass nun sämtliche Westropolis-Links auf die Kulturseite von derwesten.de weiterleiten. Alle Beiträge inklusive der Kommentare sind nicht mehr verfügbar.

Auch ich hatte einige Beiträge auf Westropolis veröffentlicht. Das waren zwar nicht besonders viele und nicht allen muss hinterhergetrauert werden. Einige möchte ich aber doch behalten und weiterhin im Netz lesen können, mehr für mich selbst denn für die Allgemeinheit. Daher veröffentliche ich hier auf Hart gerockt meine alten Westropolis-Texte, jeweils zurückdatiert auf den 1.1.2011 und zusammengefasst unter der Kategorie Westropolis. Das ursprünglich Erscheinungsdatum wird in den Beiträgen ebenfalls vermerkt. Es sind die reinen Beiträge, ohne die dazu auf Westropolis abgegebenen Kommentare, und zumeist ohne Bilder. Die habe ich nicht mitgesichert.

Westropolis war im Februar 2007 als Vorläufer von derwesten.de an den Start gegangen. Mit derwesten.de hatte die WAZ-Mediengruppe die Online-Auftritte ihrer NRW-Zeitungen zu einem großen Portal zusammengefasst. Mehr über das nun beendete Projekt steht im Pottblog und bei den Ruhrbaronen. Der Revierflaneur, ursprünglich Mitglied des Haupt-Autorenteams bei Westropolis, hat eine Art Nachruf verfasst.

Die Grafik zeigt eine Visualisierung der Webseiten-Struktur (Ausschnitt) von Westropolis, Stand 3. März 2008. Der Graph-Service wird von aharef.info angeboten.

Was auf die Titelseite der Zeitung gehört

Zukunftsforscher Ross Dawson hat sich festgelegt. Im Jahr 2030 wird es in Deutschland keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Zu hoch der Leserschwund, zu schmerzhaft der Reichweitenverlust, zu gering die Werbeerlöse (*).

Gut möglich, dass Dawson recht behält. Nun möchte ich mich an dieser Stelle nicht bei den zahllosen Kritikern einreihen, die schön regelmäßig auf die Zeitungen eindreschen und einer Endlosschleife gleich dumpf aufzählen, was die Blätter alles falsch machen. Unterm Strich kommen diese Leute immer zu dem gleichen Ergebnis: Weder Zeitungsleute noch Verleger sind im Internet-Zeitalter angekommen. Sie müssten sich doch alle viel mehr für andere, aktuelle Kanäle öffnen. Und diese auch bedienen.

In einem Punkt haben die Kritiker vermutlich recht: Die Mehrheit der Print-Journalisten ist tatsächlich nicht im Internet-Zeitalter angekommen. Manche haben vermutlich nicht einmal die Reise angetreten.

Doch es tauchen aber einige Fragen auf. Müssen tatsächlich alle Print-Journalisten alle möglichen Kanäle bespielen, am besten gleichzeitig? Müssen sie sich auf den digitalen Vertrieb der Informationen konzentrieren, umdenken, sich vom sterbenden Medium (Tages-)Zeitung abwenden?

Umdenken, ja, das müssen sie in der Tat. Aber sich nicht von der gedruckten Zeitung abwenden. Die Prognose Dawsons nimmt die momentanen Arbeitsprozesse in den Zeitungsredaktionen als Basis. Diese haben sich leider, trotz der Krise, kaum verändert. Inhaltlich wird in vielen Fällen die Zeitung so gemacht, wie sie vor 20, 30 Jahren gemacht wurde (manchmal nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch…). Zwar werden aktuelle Informationskanäle genutzt. Doch der Gedankensprung, dass jeder, wirklich jeder, und somit auch der Zeitungsleser, diese Möglichkeiten ebenfalls nutzen kann – der bleibt bei manchem Printjournalisten aus. Ich kenne mehrere Leute aus diversen Zeitungshäusern, die ganz aufgeregt erzählen, Spiegel online berichte über dieses und jenes Thema. Und was wird dann gemacht? Das Thema wird übernommen und für den nächsten Tag (!) in die Zeitung gesetzt.

Mehrwert für den Leser? Gibt es in leider in zu vielen Fällen nicht.

Wird diese Situation als Grundlage genommen, wird sich die Dawson-Vorhersage erfüllen. Die gedruckten Zeitungen werden verschwinden. Aber die Zeitungen werden verschwinden, weil sie sich nicht angepasst, nicht ihre Möglichkeiten ausgeschöpft haben. (Das ist natürlich grob verallgemeinert. Es gibt Ausnahmen.) Die gedruckte Zeitung hat einen großen Vorteil, den sie zu wenig ausspielt – ihre Endlichkeit. Eine gedruckte Tageszeitung zeichnet sich durch den wohltuenden Mangel des Long Tail ab. Sie hat die Möglichkeit zu sortieren und Ruhe in den Nachrichtenstrom zu bringen, der in Echtzeit auf die Menschen strömt.

Man braucht keine Zeitung, um die Nachrichten zu bekommen.

Man braucht die Zeitung, um vor lauter Nachrichten einen klaren Kopf zu bekommen.

Gelingt das, gelingt auch das Überleben über 2030 hinaus.

In der November-Ausgabe des Journalist, dem Magazin des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) ist ein sehr interessantes Interview mit dem Medienberater Michael Spreng abgedruckt. Zeitungen, sagt er, sollen das Beste ins Schaufenster stellen, was sie haben. Das Schaufenster, das ist der Titel, die Seite 1:

Die reine Nachricht verliert an Bedeutung, die Analyse wird wichtiger, die gute Reportage, der kluge Kommentar. Wenn ich Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung wäre, würde ich auf Seite eins die besten Analysen und Reportagen anreißen und die klügsten Kommentare platzieren und nicht mehr versuchen, in der Nachrichtengebung mit den elektronischen Medien mitzuhalten. Ausnahmen sind natürlich Exklusivgeschichten.

Und weiter:

Bei vielen Lokal- und Regionalzeitungen verstehe ich ohnehin nicht, dass sie immer noch versuchen, mit den Großen mitzupinkeln. Da gehört doch eindeutig auf Seite eins, wenn im Stadtrat eine wichtige Diskussion über ein neues Verkehrsprojekt gelaufen ist und nicht die Merkel-Rede im Bundestag. Die kann man ja im Innenteil immer noch aufbereiten.

Wie einfach, wie wahr. Herr Spreng, Sie sprechen mir aus der Seele.

*) Immerhin – 2030. Die USA sind laut Dawsons Prognose schon 2017 betroffen, Spanien 2024, Griecheland 2028. Die längste Überlebenschance hat Argentinien. Dort wird 2039 Schluss sein. Ein PDF mit detaillierter Übersicht gibt es auf Dawsons Seite.