Ascona B. Automatik, verbleit

Eine Mischung aus Giftgrün und Braun. Mit welcher Farbe der Opel Ascona B irgendwann Ende der 70er Jahre vom Werksband gelaufen ist, konnte niemand mehr sagen. Gut, irgendein Grünton wird es wohl gewesen sein. Der Zahn der Zeit machte daraus etwas anderes. Schön sah das nicht aus. Zumal die Brauntöne vom wuchernden Rost herrührten. Mein Gott, kann das Ding überhaupt über einen Bordstein fahren, ohne auseinanderzufallen?

Das war die erste Frage, als ich dieses vermutlich einst schönes Fahrzeug sah, das nach einer Google-Blitzrecherche zwischen 1976 und 1980 gebaut wurde. Und doch, ich nahm ihn. Schließlich brauchte ich einen fahrbaren Untersatz und der entfernte Freund, genannt „Eisi“, war froh, die Rostlaube ohne Zahlung von Schrottplatz-Gebühren loszuwerden. Er überließ mir ihn, wenn ich mich richtig erinnere, gegen einen Kasten Bier. Den wir später übrigens zusammen austranken. Auf den ersten Blick eine günstige Art, an ein Auto zu kommen. Denn ein Schüler, gerade 18 geworden, hat nicht zwingend Folgekosten wie Versicherung und Steuer vor Augen. Und auch nicht die Reparaturen. Oh ja, die Reparaturen!

Es war im Frühling 1993, als der Wagen umgemeldet wurde, auf den Namen meines Vaters. Es bedurfte einiger Überredungskünste, ihn dazu zu bringen. Sein Gesichtsaudruck, als er den Ascona zum ersten Mal sah, hätte genauso gut zu einer dramatischen Hiobsbotschaft gepasst, die ihm gerade übermittelt worden ist. Selten, wirklich selten, habe ich meinen Vater sprachlos gesehen. Langsam, mit geweiteten Augen und offenem Mund schaute er sich den Metallhaufen von allen Seiten an. Ging von der Front zum Heck, wieder zurück, blieb vor der Motorhaube stehen – und sagte immer noch nichts. Wenigstens ein „Bist du jetzt total bescheuert“ hätte ich erwartet … aber es kam nichts. Endlose Sekunden lang nicht. Dann wollte er sich auf die Motorhaube auflehnen und zuckte plötzlich zurück. Er hatte wohl Angst, dass der Wagen bei einer Berührung wie in einem schlechten Film zusammenklappt, die Reifen abfallen und der Kühler ein finales „Pfüüüch“ haucht. Jedenfalls erweckte er diesen Eindruck.

Dann sagte er: „Nein.“

Es war letztlich wohl reiner Selbstzweck, dass er den Wagen doch anmeldete. Schließlich wollte ich zu jener Zeit ständig seinen Mercedes ausleihen, vor allem um die Band-Kollegen zu den Proben einzusammeln. Er wäge Lebensgefahr für den Sohn“ und „meine Ruhe haben“ ab und entschied sich für die Ruhe.

Er hatte sich getäuscht. Der Ascona musste erst einmal fahrtüchtig gemacht werden. Das übernahmen Mechaniker-Freunde meines Vaters, die ihn auch irgendwie durch den TÜV brachten. Um die Gefahr ein wenig zu verringern, spendierte mein Vater einen Satz Reifen. Die waren zwar gebraucht, aber dennoch um Längen besser als das fransige Zeug, das sich bis dahin um die Felgen spannte.

Ich hatte mein erstes eigenes Auto.

Und dann auch noch eins mit Automatik-Gangschaltung, 90 PS und Heckantrieb. Ein Geschoss, das mich auf direktem Wege in die Freiheit katapultierte. Eine nicht ganz billige Freiheit. Der  Ascona war, sprittechnisch gesehen, ein Fass ohne Boden. Bei normaler Fahrweise (was mit 18 Jahren und 90-PS-Automatik selten vorkommt) verbrauchte der Ascona etwa 20 Liter Benzin auf 100 Kilometern.

Verbleit, wohlgemerkt. Das war damals noch weit verbreitet, obwohl die ersten Tankstellen bereits anfingen, diesen Umweltkiller langsam aus ihrem Sortiment zu streichen. Bei moderater Fahrweise konnte man den Ascona auf nahezu fantastische 12 Liter/100 km runterbringen, doch durfte dafür die Tachonadel nicht die 80 km/h überschreiten. Es blieb also bei den durchschnittlich 20 Verbleit-Litern, manchmal, wenn ich es eilig hatte, wurden es sogar an die 25 Liter.

Das wurde billigend in Kauf genommen, die Preise für Kraftstoff waren ja recht günstig, verglichen mit heute. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, jemals aufgrund der Kosten auf das Auto verzichtet zu haben. Und ich war Schüler, hatte also grundsätzlich nicht viel Geld zur Verfügung.

Weitaus schlimmer als der Spritsuff war der -Gestank im inneren des Wagens. Irgend eine Leitung muss nicht ganz dicht gewesen sein, sodass ein permanenter Benzingeruch den Innenraum erfüllte. Die Konsequenz daraus war nicht etwa eine Reparatur – sondern ein Rauchverbot. Zwar hatte mal ein Bekannter, der gerade eine Lehre als Kfz-Mechaniker absolvierte, mal nach dem Grund geforscht. Doch er fand ihn nicht, und so ließen wir es gut sein. Es funktionierte ja alles, man musste bloß mit offenem Feuer vorsichtig sein.

Der Ascona dürfte auch der einzige Wagen dieser Zeit gewesen sein, den ein riesiges Tribal-Zeichen auf der Motorhaube zierte. Es war die Idee von Alexander, einem Freund und Schulkollegen, der sich augenscheinlich kreativ ausleben wollte. Er kaufte sich einen dicken Edding-Stift und malte einfach drauf los. Das Ergebnis war … furchtbar. Doch das hatte ich damals Alexander natürlich nicht erzählt. Ich sagte stattdessen so etwas wie „cool“ und „danke“. Alles andere wäre sehr unhöflich gewesen. Denn Alexander war ziemlich stolz auf sein Werk.

Leider finde ich kein einziges Foto mehr vom Ascona und auch nicht von der Tribal-Zeichnung auf der Motorhaube, obwohl es solche Bilder mit Sicherheit gegeben hat. Im Netz gibt es eine Menge Ascona-Fotos, so wie zum Beispiel hier.

Die meisten der verschollenen Bilder entstanden während der Reparaturen. Die übernahm in der Regel meine beste Freundin Sonja, die gerade bei Opel Nolte in Letmathe das Handwerk des Autoschraubens gelernt hatte. Und sie hat viel geschraubt. Im Laufe der Zeit musste so ziemlich jedes Teil ausgetauscht werden. Der Wasserkühler gleich mehrfach. In dieser Zeit lernte ich sehr gut, wie Schrottplätze funktionieren und wie das Gesuchte möglichst schnell gefunden wird.

Doch irgendwann wurde es meinem Vater zu bunt. Er wollte, dass ich den Ascona loswerde. Da ich mich, den Verlust der Mobilität vor Augen, weigerte, zwang er mich dazu.

Indem er mir ein anderes Auto besorgte. Für 1000 Mark kaufte er einem Arbeitskollegen einen Peugeot 205 ab und schenkte ihn mir. Allerdings mit der Bedingung, dass ich den Ascona loswerde.

Das tat ich, indem ich ihn weiterverschenkte. Mein Cousin, der damals in Gießen lebte, nahm ihn mir ab. Ich war zwar skeptisch, ob die Rostlaube die Strecke von rund 200 Kilometern ohne Schäden schafft, doch es klappte. Sogar mehr als ein halbes Jahr lang. Zwischendurch kam uns mein Cousin mit dem Ascona sogar mal besuchen.

Als mein Cousin nach Griechenland auswanderte, setzte er die Tradition fort – und verschenkte den Ascona weiter. Ein Student in Gießen nahm ihn.

Mir gefällt die Illusion, dass der giftgrüne Opel mit dem Edding-Tribal auf der Motorhaube noch immer irgendwo herumsteht. Vielleicht auch, dass er zwischenzeitlich von einem Ascona-Liebhaber restauriert wurde und sonntags zu Spazierfahrten ausgeführt wird.

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