American Football und die Missionare

Dieser Beitrag ist am 04.02.2008 bei Westropolis erschienen. Das Kultur-Blog ist mittlerweile offline.

Die USA machen’s vor, mit einer gewissen Verzögerung macht’s Europa nach. Die Regel ist an sich richtig, doch es gibt Ausnahmen. Zum Glück. Denn eine dieser Ausnahmen ist der American Football. Trotz etlicher Versuche hat sich diese Sportart bei uns nicht durchsetzen können. Und wird es auch nicht. Weil die Amerikaner immer noch nicht verstanden haben, dass Sportkultur nicht eins zu eins auf andere Länder gepresst werden kann.

Der jüngste dieser Versuche ist im vergangenen Jahr still und heimlich gescheitert: Die Europäische Football-Liga ist aufgelöst worden. Bemerkt hat es kaum jemand, in den Medien war davon hauptsächlich in den Meldungsspalten zu lesen. Warum hätte auch etwas geschrieben werden müssen? Es waren ja kaum Europäer in den Teams. Tatsächlich ist die Anzahl der Football-Fans in Deutschland recht überschaubar. Selbst beim Super-Bowl, dem „Spektakel des Jahres“, wollten bei der ARD durchschnittlich nur 11,7 Prozent des Gesamtpublikums zuschauen. Die schlechte Quote lässt sich natürlich mit der nächtlichen Übertragung zwischen 24 und 4 Uhr erklären – sie zeigt aber auch, dass diese Sportart hier auf Unverständnis stößt.

Und das hängt letztlich mit der Arroganz zusammen, mit der die Amerikaner ihren Sport wie einst die mittelalterlichen Missionare zu verbreiten versuchen. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Ausdrucksweise anzupassen, als sie die Europäische Liga gründeten. „Sack“, „Interception“, „Quarterback“ – die Übernahme dieser Begriffe war eine Selbstverständlichkeit. Als ob die deutsche Sprache nicht schon genug unter Anglizismen zu leiden hätte. Dieser Vorwurf richtet sich übrigens vornehmlich gegen die Sportjournalisten. Sie hätten es in der Hand gehabt, dem deutschen Publikum diesen Sport näher zu bringen. Stattdessen plapperten sie nur das nach, was ihre englischsprachigen Kollegen von sich geben, vielleicht ergänzt mit der ein oder anderen Erklärung.

Gut – ein Tochdown bleibt ein Touchdown. Da verhält es sich wie beim Airbag. Niemand käme auf die Idee, „Luftsack“ zu sagen. Es klänge arg albern. Dennoch hätte es für die Missionare der erste Schritt sein müssen, die Sprache der Ketzer zu verwenden. Und so einfach. „Stoppen“, „Ballabnahme“, „Spielführer“ (oder wahlweise Kapitän). Vielleicht wäre ein eigener Name für diesen Sport auch angebracht gewesen. Football hat schließlich nichts mit Fußball zu tun und die Amerikaner sagen auch Soccer, wenn sie den Weltsport Football meinen.

Für die breite Masse hätte die Sprache ein Zugang zu einem Spiel sein können, das übrigens gar nicht so kompliziert ist. Es geht schlicht um Raumgewinn, in maximal vier Versuchen müssen 10 Yard (9,1 Meter) erobert werden. Klappt das, gibt’s erneut vier Versuche. So lange, bis der Ball in der gegnerischen Endzone (Touchdown) ist. Klappt es nicht, erhält der Gegner den Ball. Das ist zwar, zugegeben, eine sehr grobe Zusammenfassung, aber für den Einstieg reicht es.

Hätte nun allein die Sprache gereicht, um diesen Sport hier zu etablieren? Unwahrscheinlich. Ein Spielzug dauert nur ein paar Sekunden, danach wird sich beraten. Spieler verlassen das Feld und machen Platz für Spezialisten, je nach Situation. Es gibt Spieler, die einzig und allein dafür da sind, gegen den Ball zu treten. Wenn ein Feldtor erzielt werden soll, kommen sie auf den Platz, schießen ein Mal und können danach Feierabend machen. Eine hierzulande recht gewöhnungsbedürftige Vorgehensweise in Sachen Mannschaftssport.

Wenn die Zeit für Beratungen nicht reicht, gibt’s noch Auszeiten (Entschuldigung: Timeouts). Will das Fernsehen Werbung zeigen, wird das Spiel ebenfalls unterbrochen. Übrigens noch so eine US-Erfindung, die sich hier hoffentlich nie (zumindest beim Fußball) durchsetzen wird.

Die Amerikaner begründen die Unterbrechungen mit der Floskel „Schach auf dem Rasen“ und dass dabei eben nachgedacht werden müsse. Außerdem sei der Sport grundsätzlich spannend. Weil man nicht auf Zeit spielen und den Ball nicht einfach hin- und her kicken oder tragen könne.

Das mag für Amerika der Fall sein. Für den Rest der Welt ist es langweilig. Das gilt auch für den Super-Bowl in der Nacht zu Montag. Die Begegnung New England Patriots gegen New York Giants hatte sicherlich ihre Momente und die Schlussphase war zweifelsfrei ein Krimi. Bei einer Brutto-Spielzeit von gut drei Stunden beherrschte allerdings überwiegend Inaktivität das Geschehen.

Um diese Zeit zu überbrücken, haben die Amerikaner die Cheerleader erfunden. Außerdem wird viel gegessen. Sowohl im Stadion als auch vor dem Fernseher. Ok, das können die Amerikaner ziemlich gut. Und sie freuen sich über innovative Werbespots, die während des Super-Bowl erstmalig ausgestrahlt werden. Unterm Strich ist American Football ein Rahmenprogramm, das gelegentlich vom Spiel unterbrochen wird. Das Spektakel mag zwar toll sein, es kollidiert jedoch mit dem europäischen Verständnis für Sportkultur. Anders sähe es vermutlich aus, sollte Stefan Raab mal auf die Idee kommen, neben seiner Wok-WM auch ein Football-Event auf die Beine zu stellen. Es würde mit Sicherheit ein großer Erfolg. Doch es wäre wie bei allen Raab-Shows Unterhaltung, kein Sport.

Gibt es bei Football also nichts, was sich zu übernehmen lohnte? Doch! Zum Beispiel die Ausschreitungen vor, während und nach den Spielen. Die gibt es nämlich nicht. Hooligans sind im American Football nicht bekannt. Die Spiele sind ein Ereignis für die ganze Familie, die Fans der Mannschaften müssen im Stadion nicht einmal getrennt werden. Und davon könnten wir uns tatsächlich etwas annehmen.

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