Monthly Archives: November 2010

Was auf die Titelseite der Zeitung gehört

Zukunftsforscher Ross Dawson hat sich festgelegt. Im Jahr 2030 wird es in Deutschland keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Zu hoch der Leserschwund, zu schmerzhaft der Reichweitenverlust, zu gering die Werbeerlöse (*).

Gut möglich, dass Dawson recht behält. Nun möchte ich mich an dieser Stelle nicht bei den zahllosen Kritikern einreihen, die schön regelmäßig auf die Zeitungen eindreschen und einer Endlosschleife gleich dumpf aufzählen, was die Blätter alles falsch machen. Unterm Strich kommen diese Leute immer zu dem gleichen Ergebnis: Weder Zeitungsleute noch Verleger sind im Internet-Zeitalter angekommen. Sie müssten sich doch alle viel mehr für andere, aktuelle Kanäle öffnen. Und diese auch bedienen.

In einem Punkt haben die Kritiker vermutlich recht: Die Mehrheit der Print-Journalisten ist tatsächlich nicht im Internet-Zeitalter angekommen. Manche haben vermutlich nicht einmal die Reise angetreten.

Doch es tauchen aber einige Fragen auf. Müssen tatsächlich alle Print-Journalisten alle möglichen Kanäle bespielen, am besten gleichzeitig? Müssen sie sich auf den digitalen Vertrieb der Informationen konzentrieren, umdenken, sich vom sterbenden Medium (Tages-)Zeitung abwenden?

Umdenken, ja, das müssen sie in der Tat. Aber sich nicht von der gedruckten Zeitung abwenden. Die Prognose Dawsons nimmt die momentanen Arbeitsprozesse in den Zeitungsredaktionen als Basis. Diese haben sich leider, trotz der Krise, kaum verändert. Inhaltlich wird in vielen Fällen die Zeitung so gemacht, wie sie vor 20, 30 Jahren gemacht wurde (manchmal nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch…). Zwar werden aktuelle Informationskanäle genutzt. Doch der Gedankensprung, dass jeder, wirklich jeder, und somit auch der Zeitungsleser, diese Möglichkeiten ebenfalls nutzen kann – der bleibt bei manchem Printjournalisten aus. Ich kenne mehrere Leute aus diversen Zeitungshäusern, die ganz aufgeregt erzählen, Spiegel online berichte über dieses und jenes Thema. Und was wird dann gemacht? Das Thema wird übernommen und für den nächsten Tag (!) in die Zeitung gesetzt.

Mehrwert für den Leser? Gibt es in leider in zu vielen Fällen nicht.

Wird diese Situation als Grundlage genommen, wird sich die Dawson-Vorhersage erfüllen. Die gedruckten Zeitungen werden verschwinden. Aber die Zeitungen werden verschwinden, weil sie sich nicht angepasst, nicht ihre Möglichkeiten ausgeschöpft haben. (Das ist natürlich grob verallgemeinert. Es gibt Ausnahmen.) Die gedruckte Zeitung hat einen großen Vorteil, den sie zu wenig ausspielt – ihre Endlichkeit. Eine gedruckte Tageszeitung zeichnet sich durch den wohltuenden Mangel des Long Tail ab. Sie hat die Möglichkeit zu sortieren und Ruhe in den Nachrichtenstrom zu bringen, der in Echtzeit auf die Menschen strömt.

Man braucht keine Zeitung, um die Nachrichten zu bekommen.

Man braucht die Zeitung, um vor lauter Nachrichten einen klaren Kopf zu bekommen.

Gelingt das, gelingt auch das Überleben über 2030 hinaus.

In der November-Ausgabe des Journalist, dem Magazin des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) ist ein sehr interessantes Interview mit dem Medienberater Michael Spreng abgedruckt. Zeitungen, sagt er, sollen das Beste ins Schaufenster stellen, was sie haben. Das Schaufenster, das ist der Titel, die Seite 1:

Die reine Nachricht verliert an Bedeutung, die Analyse wird wichtiger, die gute Reportage, der kluge Kommentar. Wenn ich Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung wäre, würde ich auf Seite eins die besten Analysen und Reportagen anreißen und die klügsten Kommentare platzieren und nicht mehr versuchen, in der Nachrichtengebung mit den elektronischen Medien mitzuhalten. Ausnahmen sind natürlich Exklusivgeschichten.

Und weiter:

Bei vielen Lokal- und Regionalzeitungen verstehe ich ohnehin nicht, dass sie immer noch versuchen, mit den Großen mitzupinkeln. Da gehört doch eindeutig auf Seite eins, wenn im Stadtrat eine wichtige Diskussion über ein neues Verkehrsprojekt gelaufen ist und nicht die Merkel-Rede im Bundestag. Die kann man ja im Innenteil immer noch aufbereiten.

Wie einfach, wie wahr. Herr Spreng, Sie sprechen mir aus der Seele.

*) Immerhin – 2030. Die USA sind laut Dawsons Prognose schon 2017 betroffen, Spanien 2024, Griecheland 2028. Die längste Überlebenschance hat Argentinien. Dort wird 2039 Schluss sein. Ein PDF mit detaillierter Übersicht gibt es auf Dawsons Seite.

Einmal vier Mal Winterräder, bitte

Winterreifen Michelin Alpin A4

Dieser Reifen wird's werden: Der Michelin Alpin A4 (Foto: Michelin)

Winterreifen werden knapp. Jedes Jahr, zwischen September und November, geistert diese Nachricht durch die Medien. Zusätzliche Brisanz bringt in dieser Saison die angedachte Winterreifen-Pflicht ins Thema. Zwei Beispiel-Artikel seien hier genannt: Zum einen die leergekauften Testsieger-Lager in der Süddeutschen, zum anderen – um ein wenig lokal zu bleiben – die Lieferengpässe in Kamen. Letzteres berichtet die WR auf derwesten.de – doch genau dort gibt es einen weiteren Bericht, der zu einem ganz anderen Ergebnis kommt:

Weder die Reifenhersteller hätten Lieferschwierigkeiten bei Winterreifen, noch müsse sich der Reifenhandel über Engpässe beklagen. Der AvD beobachte, dass Jahr für Jahr die Nachricht lanciert werde, „die gesamte Reifenindustrie habe Lieferprobleme.

Das sagt Sabine Götz, Sprecherin des Automobilclubs von Deutschland (AvD). Lieferengpässe – ein Wintermärchen. Im Westen-Text kommt auch Maximilian Maurer vom ADAC zu Wort und zu einem ganz ähnlichen Schluss:

Das ist eine ganz gezielte Desinformation. Eine wirkliche Knappheit haben wir noch nie festgestellt.

Und die Realität? Auf geht’s zum Selbsttest.

Für mein Auto brauche ich einen Satz Winterräder. Also das ganze Paket, Reifen auf Felge. Neben der Lieferbarkeit spielt natürlich auch der Preis eine Rolle. Und es soll nicht irgendein Reifen sein. Auf der Wunschliste steht der Michelin Alpin A4, der bei Tests recht gut abgeschnitten hat.

Der erste Versuch führt zum Händler, der mir das Auto verkauft hat: Gebrüder Nolte in Iserlohn. Ja, selbstverständlich gibt es Räder, derzeit sogar im Angebot: 205 mm breite 17-Zöller von Pirelli auf Design-Stahlfelgen, speziell für den Astra gefertigt. Design heißt in diesem Fall, dass das Rad fünf Speichen hat und somit optisch an einer Leichtmetall-Felge angelehnt ist. Sie sehen in der Tat recht gut aus. 899 Euro für den Satz. Im Preis inklusive ist die Montage und Einlagerung der Sommerreifen. Doch das ist nicht ein Preis, den ich mit „Angebot“ in Verbindung bringe. Allerdings hatte ich mich im Vorfeld  nicht konkret über Preise informiert und kann deshalb noch nicht vergleichen.

Das wird im zweiten Schritt nachgeholt. Euromaster bewirbt intensiv günstige Reifen, also steuere ich die Iserlohner Filiale an. Und stehe vor verschlossenen Türen. Das Geschäft schließt werktags um 18 Uhr. An einem regulären Arbeitstag für mich nicht machbar.

Ein paar Hundert Meter weiter hat Autoteile Fischer noch geöffnet. Der Verkäufer guckt mich mit dieser Mine an, auf die in der Regel nur Heimwerker die Patentlizenz haben: „Oh, oh, das wird teuer.“ Mir wird etwas von anderen Abständen beim neuen Astra erzählt, die die Auswahl und überhaupt die Lieferbarkeit noch weiter einschränken. Der Verkäufer schaut sich die Angaben auf meinem Fahrzeugschein an und sagt, ich bräuchte 225 mm breite 17-Zöller. Von Pirelli gibt’s die bei Fischer für 298 Euro das Stück. Zusammen mit Felgen von Platin macht das für einen Satz  1580 Euro. Aha. Ist das Angebot oder kommen wir erst noch dazu? Nein, das wäre das Angebot. Lieferbar in einer Woche. Und wenn ich mich nicht schnell entscheide, würde es noch teurer. Die Lage würde von „Stunde zu Stunde dramatischer“. Den Preis könne man aber drücken, indem ein anderer Reifenhersteller gewählt wird. Im Fischer-Angebot ist Bridgestone für 224 Euro pro Stück. Was dann insgesamt 1248 Euro mache. Und wie hoch wäre der Preis, wenn ich statt Alu- normale Stahlfelgen nehme? „Das geht nicht“, sagt der Verkäufer. 17-Zöller gebe es nicht als Stahlfelge. Und ich bräuchte zwingend 17-Zöller.

Komisch. Das Angebot von Opel Nolte war doch eine Stahlfelge in 17 Zoll. Ich schaue den Fischer-Mann verständnislos und gehe – am nächsten Tag zu ATU, ebenfalls in Iserlohn. Der Laden ist voll, alle wollen Reifen kaufen. Eine ganze Weile muss auf einen Verkäufer warten. Doch dann werde ich ausführlich und gut beraten. Der ATU-Mann erzählt mir, dass ich bei meinem Wagen auch 16-Zöller verwenden könne. Die seien zum einen günstiger, zum anderen müssten es auch keine 225mm-Schluffen sein. 205 mm reichten völlig. Das drückt den Preis noch einmal und erhöht die Auswahl an Reifen. Interessante Informationen – die mir die bisherigen Verkäufer vorenthalten haben. Außerdem, legt der Verkäufer nach, können breite Reifen im Winter das Fahrverhalten negativ beeinträchtigen. Er schlägt mir 205er-Reifen von Michelin in 16 Zoll mit Alu-Felgen von Ashtech vor. Preis: 980 Euro plus Einbau. Und: Plus TÜV-Gebühren. Denn die Alu-Felgen müssten dort eingetragen werden. „Aber brauchen Sie unbedingt Felgen im Winter“, fragt der ATU-Verkäufer. Wenn ich simple Stahlfelgen nähme, wird’s deutlich günstiger – nämlich insgesamt 680 Euro. Plus Einbau.

Michelin Alpin A4

Michelin Alpin A4

Das ist endlich ein Preis, der sich mit Vorstellungen deckt. Aber: Die Reifen seien derzeit nicht auf Lager und müssten bestellt werden. Da die Lieferzeit erst am nächsten Tag herauszufinden ist, notiert sich der Verkäufer meine Handy-Nummer. Er will mich anrufen, sobald er genaue Daten habe.

Am nächsten Tag ruft der ATU-Mann nicht an. Auch an den folgenden nicht. Knapp eine Woche später habe ich frei und starte einen neuen Versuch – erneut bei Euromaster. Auch hier ist die Beratung gut und kompetent, auch hier rät mir der Verkäufer zu 205mm breiten 16-Zöllern. Im Angebot bei Euromaster ist gerade ein Komplettrad Pirelli auf ATS-Twister-Alufelge, vier Stück für 736 Euro. Leider passt die Felge nicht auf mein Auto. Die Alternative ist eine schwarze Rial-Felge, insgesamt würden dann 940 Euro fällig. Will ich die Felge in silberner Farbe haben, kostet es 1044 Euro. In beiden Fällen ist kein TÜV-Eintrag nötig. Die Felgen sind bereits zugelassen. Will ich meine Sommerräder dort einlagern, muss ich zusätzlich etwa 33 Euro bezahlen.

An der dunklen Felge für 940 Euro zeige ich Interesse und frage nach der Lieferzeit. Wie schon bei ATU werde ich auf den nächsten Tag vertröstet. Der Euromaster-Verkäufer schreibt sich meine Nummer auf und will mich anrufen.

Ich habe also immer noch keine Winterreifen – aber immer noch einen freien Tag und Zeit. Die nutze ich, um den Gebrüdern Nolte einen zweiten Besuch abzustatten. Ob sich am Angebot etwas verändert habe, frage ich. Schließlich ist seit meinem ersten Besuch eine gewisse Zeit vergangen. Nein, alles beim Alten. Und sind die Räder vorrätig? Nein, leider nicht. Alles ist bereits reserviert. Das wundert mich nicht, das Angebot kann sich im Vergleich ja durchaus sehen lassen. Auch hier will ich die Lieferzeit wissen und werde – natürlich – auf den nächsten Tag vertröstet. Man wolle mich anrufen.

Am nächsten Morgen klingelt innerhalb einer halben Stunde zwei Mal mein Handy. Der Euromaster-Mann meldet sich als erster und nennt die Lieferzeit: Etwas mehr als eine Woche. Kurz darauf ruft Opel Nolte an. Lieferzeit: 3 Werktage.

Den Auftrag vergebe ich an den Händler, dem ich am Anfang die wenigsten Chancen eingeräumt hatte – Opel Nolte.

Fazit

Die Angebote von Euromaster und Nolte sind zwar unterschiedlichen Klassen, aber doch vergleichbar: Eurostar bietet eine echte Alufelge an, aber nur mit 16-Zoll. Opel Nolte hat 17-Zöller im Angebot, allerdings nur auf Stahlfelge. Die sieht aber recht gut aus und ist unterm Strich günstiger.

Indiskutabel ist das Fischer-Angebot. Unzufrieden bin ich vor allem mit der Beratung. Diese war bei ATU am besten, allerdings blieb der versprochene Rückruf aus. Dass das Angebot  von Opel Nolte den Zuschlag erhalten hat, liegt vor allem an meiner Bequemlichkeit. Ich kann meine Sommerräder einfach da lassen.

Und wie war das mit den Engpässen? Zwischen drei und sieben Tagen muss ich auf  Kompletträder warten. Ein durchaus akzeptabler Zeitrahmen, Lieferschwierigkeiten sehen anders aus. Warten wir also auf das richtige Wintermärchen.