Daily Archives: 17. Juni 2010

Ist das Kunst oder kann das weg?

Ist das Kunst oder kann das weg?

Frage ich mich auch recht oft.

In der Lokalredaktion eine Etage weiter unten hängt ein ziemlich großes Poster. Der Inhalt ist nur ein Satz, resp. eine Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ steht da in weißen Lettern auf grünem Hintergrund.

Sehr schön. Und sehr beruhigend, dass offenbar auch andere Menschen derartige Gedankengänge haben. Das Kunstwerk kann man mittlerweile in vielen Formen erwerben. Ob als Poster bei Gobaeng, als Frühstücksbrettchen bei Dinamo oder als Sticker bei Amazon.

Warum mir dieses Poster so gefallen hat, bedarf keiner ausführlichen Erklärung: Weil ich ein Kunstbanause bin. Manchmal.

Dabei bin ich dem Schönen, dem Kreativen, dem Ausdrucksstarken keineswegs abgeneigt. Man hat mich sogar schon in Museen gesehen. Sogar in einigen für Moderne Kunst. Dennoch bleibe ich manchmal fassungslos vor … Objekten stehen und frage mich: Was ist das? Was soll das? Und: Warum? Und letztlich, natürlich: Ist das Kunst?

Genau, was ist Kunst eigentlich? Mein Brockhaus, Handbuch des Wissens, von 1922 schreibt:

Kunst (von Können), im allgemeinen die durch Übung zu entwickelnde und befördernde Fertigkeit, der eine besondere Befähigung zugrunde liegt. Im engern Sinne die schönen Künste, die nach ihren Ausdrucksformen in bildende (…), tönende (…) oder redende (…) und darstellende (…) geschieden werden können.

Ah, Kunst kommt tatsächlich von Können. Es muss also etwas dahinterstecken. Sozusagen ein Talent. Andererseits wird Talent überbewertet, wie in Wikipedia nachzulesen:

Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Da eine klare Definition nicht existiert, kann Kunst alles sein. Und Kunst darf alles. Man muss nur sagen, dass es Kunst ist.  So wie hier:

Kunstwerk Baustahl, lackiert, auf der Landesgartenschau 2010, Hemer

Diese Stahlstange mit abstehenden Spross steht auf der Landesgartenschau 2010 in Hemer. Der erste Gedanke war, ich geb’s ganz ehrlich zu: „Die Bauarbeiter haben vergessen, was wegzuräumen.“ Weit gefehlt.  In gebührendem Abstand zur Installation steht ein Schild mit erklärenden Worten.

Kunst-Erklärungsschild auf der Landesgartenschau Hemer 2010Es handelt sich um ein Werk der Künstlerin Janina Tripp mit dem Titel „Attention please!“ Eine Google-Schnellrecherche führt zu derwesten.de und bietet dort ergänzende Informationen:

Ihre Mitschülerin Janina Tripp (Anmerkung: der Kunst-AG des Woest-Gymnasiums Hemer) entwarf drei Metallkonstruktionen – zum Beispiel in Y-Form -, die die Form eines Baumes widerspiegeln. In einer heimischen Schlosserei fand Janina Unterstützung, um ihr Projekt realisieren zu können. Beide Schülerarbeiten sowie der Beitrag ihres Kunstlehrers Jan Wille (Figurationen, die an menschliche Körper erinnern, auf einer 1 Meter mal 2 Meter großen Cor-ten-Stahlplatte) werden in der LGS entlang des Zick-Zack-Weges zu sehen sein.

Nun habe ich ein Problem. Die Metallkonstruktion ist keineswegs das Werk einer erwachsenen Künstlerin, sondern das einer Schülerin. Das moralische Aspekt schlägt unvermittelt und mit Wucht zu. Darf ich das in den Kontext „Ist das Kunst oder kann das weg“ setzen? Mich somit darüber lustig machen?

Nein, darf ich nicht. Es gibt immer noch einen Unterschied zwischen der Arbeit eines Schülers und der eines Künstlers, der zu Empfängen in Ateliers einlädt und Preisschilder an seine Werke hängt, die auch an Kleinwagen stehen könnten. Die Kreativität von jungen Menschen muss gefördert werden, zumal in diesem Fall augenscheinlich eine gewisse Energie in die Umsetzung investiert worden ist. Die Schülerin musste sich eine Werkstatt suchen, in der ihr Werkzeug und vielleicht auch Material zur Verfügung gestellt wurde. Vielleicht hat sie dort erst den Umgang mit den Werkzeugen erlernen müssen, vielleicht waren es die ersten Experimente mit diesem Material. Unterm Strich zählt also die Annäherung an die Kunst und an das Kreative mehr als das Ergebnis.

Mir liegt es fern, die Arbeit eines jungen Menschen zu diskreditieren. Was aber arg verstörend ist: Hätte man mir erzählt, diese Installation sei von einem großen, etablierten Künstler, ich hätte es sofort geglaubt. Man hat in diesem Zusammenhang ja schon einiges gesehen. Die Seite hinter diesem Link hat übrigens keinen Darstellungsfehler. Es ist tatsächlich die Abbildung eines Kunstwerkes und kann hier überprüft werden.

Letztlich ist genau das der Unterschied. Die Arbeit eines Heranwachsenden kann ich ernst nehmen, aber nicht jede Arbeit eines erwachsenen, von sich selbst überzeugten Künstlers.

In diesen Fällen bin ich gerne und aus Überzeugung Kunstbanause. Und deshalb werde ich mir das Poster bestellen.