Monthly Archives: Mai 2010

Digitale Promo-Platten

CD-RohlingEs gibt kaum noch eine Plattenfirma, die Besprechungsexemplare von Neuerscheinungen nur auf dem klassischen Postweg verschickt – als eine vornehmlich für Journalisten gepresste Promo-CD, nicht selten mit einer ebenfalls eigens angefertigten Papphülle inklusive Begleit- und Infoschreiben. Stattdessen gibt es einen Download-Link per E-Mail, mit dem die Songs als mp3-Dateien heruntergeladen werden können. Für die Labels und PR-Agenturen eine prima Spar-Möglichkeit. Die Kosten für das Pressen, für den Druck und für den postalischen Versand entfallen. Komplett. Dennoch bekommt der Journalist alle Informationen, die er für seine Arbeit benötigt.

Noch vor zwei, drei Jahren wurden auf PR-Ebene die mp3s verteufelt. Promo-Platten kamen entweder kopiergeschützt oder in 999 Tracks gesplittet daher, damit ja das böse CD-Rippen unterbunden wird. Zu groß war die Angst in der Musikbranche, die Promos könnten in illegalen Tauschbörsen landen, womöglich sogar noch vor dem Veröffentlichungstermin einer Platte. Der abstruseste Aspekt dieser Paranoia waren die „Voiced-Over-Promos“:  Alle paar Sekunden quatschte jemand in den Song rein und tat kund, dass gerade eine Promo-CD gehört wird. Furchtbar. Eine Sicherheitsmaßnahme, die das Hören und damit die Kritik der Platte unmöglich machte. Und das, obwohl Kritiken für die Labels immer noch, trotz der gravierenden Veränderungen in der Medien-Landschaft, von entscheidender Bedeutung sind. Die Folge: Viele Journalisten weigerten sich, solche Voiced-Over-CDs zu besprechen. Ich übrigens auch.

Man mochte nun darüber schimpfen und spotten, dass sich die Musikbosse wie Dinosaurier verhielten und nicht die Zeichen der Zeit erkannten. Doch, so ehrlich sollten wir sein, ihre Angst war in gewisser Weise berechtigt. Denn nicht selten passiert genau das, was mühsam verhindert werden sollte: Ein Leak, und die wertvollste Produktion  schwirrte frei verfügbar im Netz herum. Einer der bekanntesten Fälle der jüngsten Vergangenheit ist der US-Blogger, der ein paar Stücke vom damals noch unveröffentlichten Guns-n‘-Roses-Album Chinese Democracy online stellte.

Nun hat sich der Umgang der Musikbranche mit den digitalen Kanälen glücklicherweise verändert. Nahezu jedes Musikprodukt kann legal als Datei erworben und heruntergeladen werden. Die indiskutablen Einschränkungen wie das DRM, das das Kopieren verbot oder einen bestimmten Player voraussetzte, gehören ebenfalls weitestgehend der Vergangenheit an. Bei Amazon oder iTunes gibt’s mp3s oder ähnliche Formate – und gut ist. Das hat keineswegs zum Untergang einer ganzen Industrie geführt. Im Gegenteil, es kann damit sogar gutes Geld verdient werden, wie anhand der Absatzzahlen gelesen werden kann.

Die Änderung zur digitalen Promo-Belieferung ist nur ein Teil eines elementaren Umdenkens in der Musik-Industrie. Sie ist folgerichtig, logisch, und – was die Einsparungen angeht – nachvollziehbar.  Umso seltsamer mutet es an, dass gerade Musikjournalisten sich am lautesten gegen diese Änderung zu wehren versuchen.

  • „Ich muss etwas in der Hand halten können.“
  • „Das Gefühl für eine Platte geht verloren, wenn man die Musik auf nur ein paar Dateien reduziert.“
  • „Wie soll ich denn mp3s in meinen CD-Player legen können?“
  • „Ich kann das Cover gar nicht mehr sehen.“

Nun möchte ich diese Argumente nicht in Frage stellen. Es ist ja durchaus möglich, dass Menschen tatsächlich so empfinden und eine kleine silberne Scheibe in der Hand halten müssen, um ein neu erschienenes Album als solchen erfassen zu können.

Allerdings sehe ich persönlich in der digitalen Bemusterung diverse Vorteile.

  1. Zum einen habe ich bisher ohnehin jede Promo-CD, die auf physischem Wege zu mir kam, auf den mp3-Player gelegt. Die Fälle, in denen ich zu Hause eine CD in meinem CD-Player gelegt habe, können vernachlässigt werden. Vermutlich kann man sie an einer Hand abzählen. Die Promos höre ich schließlich in den seltensten Fällen zu Hause, sondern vornehmlich beim Sport, im Auto oder im Zug. Und das geht am bequemsten mit mp3-Dateien. Jetzt kommt die Musik schon als mp3 ins Haus und muss nicht erst umgewandelt werden. Wenn 10 CDs eingelesen werden müssen, kostet das Zeit, die nun gespart wird. Vor ein paar Tagen hatte mich ein Label-Mitarbeiter ganz vorsichtig gefragt, ob ich denn CDs zugeschickt bekommen wolle oder ob ich mich mit einem Download zufrieden gäbe. Ich nahm den Download. Denn neben der Bequemlichkeit und Schnelligkeit gibt es dafür auch noch einen weiteren Grund:
  2. Bei der digitalen Bemusterung haben die Labels und Agenturen ihre Hausaufgaben ordentlich gemacht. In den Promo-Paketen ist in den meisten Fällen das Cover als jpg-Datei dabei, Bandfotos können ebenfalls heruntergeladen werden und die CD-Info sowie die Band-Bio liegen als pdf vor. Wunderbar. Alles an allem Ort, Informationen müssen nicht mehr in irgendwelchen Zettelhaufen gesucht werden; die mitgelieferten Fotos erleichtern die Layoutarbeit, da nicht erst aufwändig nach einem Bild gesucht werden muss.
  3. Es ist gelegentlich ein wahrer Segen, eine Promo-Scheibe nicht als physische CD zu bekommen. Das betrifft vor allem die Veröffentlichungen, die schon nach einem kurzen Querhören zur Seite gelegt werden. Sprich: Die nicht rezensiert werden. Das kommt durchaus vor, wenn zum Beispiel die dargebotene Musik nicht mit den eigenen Vorlieben kompatibel ist. Oder wenn die Platte zwar die persönlichen Vorlieben ganz hervorragend bedient, allerdings überhaupt nicht mit der Zielgruppe (der Leserschaft) in Verbindung gebracht werden kann. Es gibt eine Menge Gründe, warum es eine Platte nicht zur Besprechung schafft. Ist sie aber als Promo-CD ins Haus gekommen, liegt sie herum und nimmt Platz weg. Wegwerfen darf man die Promos nicht, da sie Eigentum der Labels sind und zurückverlangt werden können.  Im Laufe der Zeit sammelt sich so eine Menge Material an, das in den Regalen liegt und Staub fängt.
  4. Die digitale Bemusterung hat bei mir persönlich zu deutlich differenzierteren und gezielteren Besprechungen geführt. Wurden früher die Platten in der Regel ungefragt zugeschickt (und  verschwanden später im Regal), müssen die Alben nun gezielt heruntergeladen werden. Das bedeutet für mich, dass ich schon im Vorfeld aussortieren kann. Wenn ich weiß, dass ich eine Platte – aus welchen Gründen auch immer – nicht besprechen werde, brauche ich sie gar nicht erst herunterzuladen. Der mögliche Vorwurf, dass damit die Chancen für neue, unbekannte Bands sinken, weil sie nicht beachtet werden, ist natürlich Unfug: Wenn ein Label physische Promo-CDs von jungen Bands verschickt, gibt es schließlich auch keine Garantie, dass diese CDs gehört und besprochen werden.

Den digitalen Promos kann ich also eine Menge abgewinnen. Doch was ist aus dieser Angst der Musik-Konzerne geworden? Die Angst, dass die Songs illegal ins Netz wandern und dort wild heruntergeladen werden? In vielen Fällen kommen die Downloads mit dem Hinweis, die mp3s seinen mit einem „persönlichen Watermark“ versehen. Was soviel heißen soll, dass eine Signatur in die Datei eingebettet ist, mit der nachgehalten werden soll, wer welche Dateien wann wohin kopiert hat. Nun kann ich mir zwar nicht vorstellen, wie das funktionieren soll – es ist mir aber auch ziemlich egal. Wer sich heutzutage immer noch in irgendwelchen dubiosen Tauschbörsen tummelt oder illegal Musik herunterlädt, hat es nicht anders verdient. Die drakonischen Strafen werden ihren Anteil daran haben, dass die Zahl der illegalen Musik-Downloads sinkt und gleichzeitig der digitale Musikverkauf populärer wird. Vielleicht hat das dazu geführt, dass die Plattenfirmen und PR-Agenturen ein wenig lockerer im Umgang mit den Journalisten geworden sind. Vielleicht haben sie auch einfach nur die Zeichen der Zeit erkannt.

Meine Arbeit mit Musikkritiken ist jedenfalls einfacher geworden. Und mein Plattenschrank quillt nicht über.

Death-Metal-Sänger darf kein Lehrer werden

In Stuttgart ist einem Referendaren vom Regierungspräsidium Stuttgart die Kündigung nahe gelegt worden (1, 2, 3).  Weil er Sänger in Death-Metal-Band ist. Es handelt sich um Thomas Gurrath, 29 Jahre, Sänger und Kopf von Debauchery. In der Szene ist die 2002 gegründete Band recht bekannt, hat bereits mehrere Platten veröffentlicht und tritt regelmäßig auf Festivals auf. Bei diesen Auftritten machen die Musiker das, was Death-Metal-Bands auf der Bühne eben so machen: ordentlich Krach, mit Texten über Tod, Verderben und Gedärm, mit einer dazu passenden, an Splatter-Filmen angelehnten Bühnenshow. Das alles passiert recht ausschweifend – was, nebenbei, die sinngemäße Übersetzung für debauchery ist. Das sieht (in diesem etwas älteren Video aus dem Jahr 2005) dann so aus:

Es ist sozusagen die Standard-Ausführung von Death-Metal. Doch das, was die Künstler auf der Bühne und im Tonstudio treiben, ist nur eine Seite ihres Lebens. Die öffentliche, extrovertrierte Seite. Sie muss sich nicht mit dem Privaten oder Hauptberuflichen decken – und in den allermeisten Fällen tut sie es auch nicht.  Das Hauptberufliche von Thomas Gurrath spielt sich in der Schule ab. Er ist Referendar, will sein Examen machen und Lehrer werden. Dass es dazu vermutlich nicht kommen wird, hängt mit seiner anderen Seite, mit seiner Musik zusammen. Irgendwann sind seine Ausbildungslehrer auf seine Band Debauchery gestoßen, sahen dabei viel Kunstblut, augenscheinlich Pornographisches, Brutales, und hörten eine Musik, die sie vermutlich nicht sonderlich anregend fanden. Der Fall erreichte das Ministerium – und dort konnte man den angehenden Lehrer Gurrath mit dem Künstler Gurrath ebenfalls nicht auf einen Nenner bringen. Schüler nahmen ebenfalls Notiz davon, googelten Gurrath resp. Debauchery und fanden auf Youtube Videos wie das oben. Vermutlich waren die Schüler sogar die ersten, die über die musikalische Nebentätigkeit ihres Referendaren erfuhren: Es ist seit einiger Zeit usus, dass Schüler nach Details über ihre Lehrer im Netz suchen.

Über die Geschichte wird detailliert im Artikel der Welt berichtet.  Der Autor Dirk Peitz beschreibt den Menschen Gurrath sehr nah, hält dennoch die gebotene Distanz. Er bewertet nicht, sondern beobachtet, erzählt, nennt die die Fakten. Es ist ein sehr guter Artikel, der beide Seiten der Geschichte beleuchtet.

Es ist aber auch die einzige Möglichkeit, sich diesem Thema zu nähern. Schließlich ist es sehr leicht, sich darüber zu empören. Dass doch solche Menschen nicht unsere Kinder unterrichten dürfen. Dass es abstoßend ist, ein schlechtes Bild auf Lehrer wirft und die Schüler negativ beeinflusst. In diese Richtung geht naturgemäß die Bild-„Zeitung“ mitsamt ihrer Zielgruppe.

Andererseits ist es auch sehr leicht, in die Gegenrichtung abzudriften. Über Kleinbürgertum, Unverständnis gegenüber der Kunst, mangelnder Toleranz in einer aufgeklärten Gesellschaft zu schimpfen. Dass ein Berufsverbot – worauf es in diesem Fall ja letztlich hinausläuft – nichts anderes als Diskriminierung sei. Diese Haltung wird wohl ein Großteil der Kunst- / Metal-Szene einnehmen.

Tatsächlich bewegen wir uns hier in einer Grauzone. Auf beiden Seiten gibt es gute Argumente, nur heben sie sich gegenseitig auf. Selbstverständlich darf und soll ein Mensch seine Kunst ausleben.  Nur weil jemand über das Töten singt und zu extremen Mitteln der Visualisierung greift, heißt das noch lange nicht, dass er das tatsächlich auf das reale Leben überträgt.

Jeder vernünftig denkende Erwachsene würde das so sehen. Und kein Arbeitgeber würde seinen Sachbearbeiter, Bankangestellten oder Versicherungsvertreter kündigen, weil dieser nebenbei auf der Bühne die Sau rauslässt. Auch würde kein Arbeitsgericht eine solchen Kündigung durchwinken. Nur haben wir es hier mit einem Job zu tun, in dem Kinder im Mittelpunkt stehen. Kinder, jedenfalls bis zu einem gewissen Alter, können nicht derartig reflektieren und die künstlerische Seite nicht unbedingt vom alltäglichen Leben trennen. Kinder, auch Jugendliche, saugen Erlebnisse und Erfahrungen auf – und sie lassen sich beeinflussen.  Einem Kind, das seinen Lehrer in Kunstblut badend gesehen hat, von eben diesem Lehrer Ethik näherzubringen … ist ein ambitioniertes Unterfangen. Das Problem ist im übrigen auch auf die Eltern übertragbar: Würde ich, der diverse Death-Metal-Platten und -DVDs im Schrank stehen hat, diese Platten und DVDs zusammen mit meinem Kind anschauen, während ich versuche, ihm Werte und die Ablehnung von Gewalt beizubringen?

Es ist äußerst schwierig, eine Antwort auf die Frage zu finden: „Würde ich mein Kind von so einem Lehrer unterrichten lassen?“ Käme der Fall vor Gericht, möchte nicht der Richter sein, der darüber zu entscheiden hat.

http://www.debauchery.de/index_flash.html

Tanz in den Mai mit D-A-D

Jesper Binzer von D-A-D bei der 2. Rock-Hard-Night im FZW Dortmund.

Jesper Binzer von D-A-D bei der 2. Rock-Hard-Night im FZW Dortmund.

Schon die Premiere ließ Gutes für die Zukunft erahnen,  spätestens mit der zweiten Auflage ist klar:  Das Rock-Hard-Magazin ist mit seiner Konzert-Reihe auf dem richtigen Weg: Als Warm-Up-Party für das Festival über Pfingsten und gleichzeitig als Rock in den Mai hatte das Rock Hard am 30. April 2010 die dänischen Rocker von D-A-D nach Dortmund geholt.

Die Band war „ohne Zweifel die Comeback-Sensation des 2009er Rock-Hard-Festivals“, sagte RH-Herausgeber Holger Stratmann im Vorfeld. „Unsere Crew konnte gar nicht glauben, was da alles ausgeladen wurde: Leuchtender Kuhschädel, Pyro-Technik, Raketenbässe … Das war Rock’n’Roll-Entertainment allererster Güte.“

Jetzt gab’s im FZW Dortmund den Nachschlag. Zwar in etwas kleinerem Rahmen, aber mit mindestens genauso viel Entertainment. Müde sind die Jungs um Jesper Binzer, die seit 1984 als D-A-D auf der Bühne stehen, wirklich nicht geworden. Sie versprühen eine derartig gute Laune und erzählen zwischen den Songs so viel Unsinn, dass man sich vor der Bühne denkt: Ich möchte das auch haben, was der Mann da hinter dem Mikro gerade trinkt. Und vielleicht auch ein bisschen von dem, was Bassist Stig Pedersen hatte. Hinzu kommt eine Bühnenshow, die auch das Auge mehr als zufriedenstellt.

Stig Pedersen, Bassist von D-A-D.

Stig Pedersen.

Der Inhalt eines ganzen Sattelschleppers, mit dem die Band aus Kopenhagen angereist, wurde auf die Bühne geschleppt. Einen nennenswerten Teil hatte wohl Stig Pedersen mit seinen Bass-Unikaten zu tragen – eine Rakete mit vier Saiten, zum Beispiel.

Um es kurz zu machen: Eine bessere Band hätte sich das Rock Hard für die Mai-Sause kaum aussuchen können. Die Stimmung im FZW war mehr als ausgelassen, bisweilen sogar euphorisch bei den großen D-A-D-Songs wie Sleeping my day away – nur um einen zu nennen.

Fazit des Abends: Ziel erreicht. Nämlich ausgiebig in den Mai gerockt. Und ganz nebenbei die Vorfreude aufs 8. Rock-Hard-Festival enorm in die Höhe geschraubt. Schade nur, dass D-A-D dieses Mal nicht mit dabei sein.

Dafür aber Kreator, Rage, Accept, Echorder, Nevermore und etliche andere. Fürs Festival, vom 21. bis zum 23. Mai 2010 im Gelsenkirchener Amphitheater, gibt’s noch Tickets für 65 Euro.

Mehr Bilder vom D-A-D-Auftritt im FZW Dortmund gibt es auf derwesten.de